Die kleine Kant - ein prä-, post- und krass-moderner Geniestreich auf der grünen Wiese

von Sir Noman Fosta

Ein Neubau sollte zugleich Ausdruck für die moderne Schule sein: schlank, freundlich, flexibel und intransparent. Das kompakte C-Gebäude an der Kantstraße hebt sich durch die orangegelbe Farbe vom umliegenden Wiesenquartier ab. Die Farbwahl verstärkt den abstrakten und plastischen Charakter. Es fügt sich unprätentiös in den Ort ein und ist somit ein Exempel für die Haltung seines Architekten.

Einen regionalen, kontextuellen und poetischen Ansatz suchend, hat die spiegelsymmetrische Aufteilung des Erdgeschosses mit Fenstern nach den vier Himmelsrichtungen den regionalen, kontextuellen und poetischen Ansatz gefunden. Doch die konsequente Materialisierung verrät späte Modernität. Das Haus ist eine raffi­nierte Kombination von Industriebau und Low Tech. Zudem ist es mit Bauernschläue gemacht und sieht auch noch gut aus.

Betrachtet man die Grundrisse, sieht man: Es war ein Funktionalist am Werk. Die disziplinierte Ordnung der Flure wird vom Pathos des Schuhkartons voller konstruktiver Raffinesse überlagert. Das ist das offene Geheimnis des Entwurfs. Alles ist flexibel und gut nutzbar, es herrscht eine unaufgeregte robuste Selbstverständlichkeit. Die Flexibilität der Konzeption lässt das Artefakt in jedem Kontext eine einzigartige poetische Magie entfalten. Die dritte Dimension gibt dem Gebäude eine kastenförmige plastische, in der Tiefe variierende Wucht.

Der Bau ist reich an Verweisen. In der eingeschossigen Eingangshalle erwartet die Besucher ein architektonisches Feuerwerk: Fein graffitierte Betonwände geben dem Raum so viel Schwung, dass man meint, er beginne gleich zu drehen. Auch das Gangsystem weist eine typologische Verwandtschaft mit dem Kloster La Tourette von Le Corbusier auf. Die beiden spektakulären Außenhöfe hingegen verströmen eine mediative Atmosphäre.

aus: A10 - new European architecture, #6 (Nov/Dec 2005), p. 53