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Romfahrt 2008: Ausflug ins Kolosseum

Wir schreiben Tag drei unseres Aufenthaltes in Rom. Auf dem Programm stand der Besuch des Kolosseums in der ewigen Stadt. Ein Tag der Geschichte machen wird. Nur dass wir das noch nicht wussten.

Der Tag begann wie die letzten zwei Tage. Erst versuchten wir uns mit kampfesgeschwellter Brust aus dem Bett zu schälen. Der Erfolg der Aktion ist von Reiseteilnehmer zu Reiseteilnehmer unterschiedlich zu bewerten gewesen. Einige hatten sich bereits zu dieser frühen Stunde dem Alter der ewigen Stadt angepasst - sie waren ausgesprochen restaurierungsbedürftig - andere hatten anscheinend einen guten Visagisten zur Hand. Na ja, der gestrige Abend war hart und eine gute Einstimmung auf das Amphitheatrum Flavium. So hieß das Kolosseum jedenfalls bei seiner Eröffnung. Danach kam dann Kaiser Nero auf die Idee eine Statur mit dem Porträt des Sonnengottes vor der Arena auf zu stellen, genannt Koloss und schon war der Name Kolosseum geboren.

Also bestiegen wir nach dem Frühstück unsere Streitwagen und begaben uns zu der Stätte, an derer in früheren Zeiten dem Volke Spektakel der besonderen Art dargeboten wurden. Sorry, wollte sagen, wir begaben uns mit dem modernen Transportmittel U-Bahn zum Kolosseum, um uns ehrfürchtig dem Schaffen der alten Baumeister vorsichtig zu nähren.

Schon auf dem Vorplatz können wir feststellen, dass das antike Rom noch immer existiert. Für eine 0,5 Liter Limo wollen die hier 4 € haben. Bei uns im Supermarkt bekam man für 0,99 € 1,5 Liter. Also erste Erkenntnis aus dem Unternehmen, die Wegelagerei hat überlebt.

Vor dem Kolosseum angekommen, bemerkten wir, das unsere touristische “Kampfgruppe“ zahlenmäßig nicht vollständig war. Einige Damen unseres Verbandes waren wohl für die U-Bahn zu langsam gewesen oder formvollendeter gesagt, die U-Bahn war anscheinend zu schnell für sie. Na ja, wie man es nimmt, wir waren nicht vollständig. Ein weiteres Durchzählen der Gruppe erbrachte zu einem etwas späteren Zeitpunkt deren Vollständigkeit. Wir überprüften nochmal kurz unser Equipment, stellten zur Zufriedenheit aller fest, dass die Ausrüstungsgegenstände vollzählig und einsatzfähig waren und zogen dann geschlossen in die Arena ein. Ganz so, wie vor hunderten von Jahren die Gladiatoren. Einziges Manko war…… wir wurden bei unserem Einzug nicht mit lauten Rufen und Applaus empfangen. Kein Schwein da, außer ein paar andere Touristen. Was soll’s, auch egal. Wie Gladiatoren sahen wir ja auch nicht aus. Unser Körperschutz bestand aus T-Shirt und Jeans. Nicht aus Dreizack, Schwertern und Schildern.

Eigentlich sollte uns ja ein Guide durch das Kolosseum führen, aber irgendwie hat der uns wohl nicht gefunden. Irgendwie hat es da wohl ein Missverständnis zwischen dem Reiseveranstalter und dem Guide gegeben. War ja nicht das Erste, denn keiner von uns wusste bei der Anreise nach Rom, dass unser Hotel anscheinend aus der gleichen Zeit stammte, wie das Kolosseum. Nur dass das Kolosseum noch besser erhalten war. Jedenfalls konnte man schon einige Übereinstimmungen beider Bauten ohne große Mühen erkennen und fließend kaltes Wasser gab es im Kolosseum - wie auch im Hotel – schon. Aber nicht verzagen und weiter im Programm.

Wir fingen also auf eigene Faust an, das Gebiet zu erkunden. Erst mal Richtung Oberring, denn da hat man den besten Überblick. Hat Cäsar auch so gehalten, wenn er in eine Schlacht zog. Erst mal Überblick verschaffen, planen und dann Angriff. Auf dem Weg dorthin konnten wir einige Späher des Feindes bemerken. Jungs und natürlich Mädels, die Franzosen waren da. Eine arge Bedrohung unserer schülerischen Lage. Zumindest für die Leute von uns, deren zweite Fremdsprache französisch ist. Klappt in der Schule schon nicht, warum dann hier. Also, abducken und großräumig umgehen ohne bemerkt zu werden.

Als wir das geschafft hatten, konnten wir uns endlich diesem architektonischen Wunderwerk hingeben. Informationen bekamen wir, indem wir uns unauffällig an andere Gruppen, die akustisch und halt auch optisch der unseren ähnelten, heranschlichen und hier die notwendigen Informationen ausspähten, da diese von einem Informanten in die Geheimnisse des Kolosseums eingeweiht wurden. Wir hätten uns glatt bei der CIA oder dem KBG mit unserer Taktik bewerben können.

Mittlerweile hatten wir uns einen Überblick über die Gesamtlage verschafft – aus jedem erreichbaren Blickwinkel - , wir hatten den Oberring umrundet. Hier wurde dann allerdings unser, bis dahin perfekter, Eindruck von dieser antiken Meisterleistung leicht getrübt. Wie, na in Form eines neumodischen Souvenirshops . Einige nutzten diesen Stilbruch und erwarben hier eine gewisse Form von Gehirnjogging. Sie kauften sich ein Taschenbuch über das Kolosseum und dessen nähere Umgebung. Ich schätze mal, dass der Schmöker in Berlin wesentlich preiswerter zu bekommen gewesen wäre. Hacken wir das mal als unseren Beitrag zur Arbeitsplatzerhaltung in Italien ab. Denen geht es ja auch nicht besser als uns.

Übrigens Arbeitsplätze. Da fällt mir ein, ohne die Ideen der Römer hätten wir heute keine Maurer. Jedenfalls, die würden heute anders arbeiten. Soll heißen, dass für die Erbauung des Kolosseums neue Techniken erfunden werden mussten. Die Rundbögen und der Rest hätten mit dem damals gebräuchlichen Mörtel nicht den Druck ausgehalten und somit wäre das ganze Ding hier schneller wieder eingestürzt als erbaut. Also, was tun sprach Zeus…….., erfinden wir mal schnell den Beton und der wird ja heute noch genutzt. Bloß dass unsere Häuser nicht so lange halten, wie das Kolosseum. Dem kamen nämlich zwei Erdbeben dazwischen und die haben das Bauwerk geschafft, nicht die Umwelt oder Alterserscheinungen.

Nun war der Zeitpunkt gekommen, an dem wir alle ausschwärmen durften. Ein paar von uns nahmen dass zum Anlass, gleich ganz den Abgang zu machen. Oder wollten die sich nur die alten Gladiatorenschulen außerhalb des Kolosseums ansehen? Aber die existieren doch nicht mehr. Oder ?

Wie dem auch sei, der Rest teilte sich in kleine Gruppen auf und erkundete das restliche Gelände. Da wir uns noch im Oberring befanden, hieß das erst einmal Abstieg. Erinnerte mich ein wenig an das Kurssystem in der Schule. Nach oben geht es schwer, nach unten…. tja, da geht es leichter.

Im Untergeschoss angekommen, reduzierten wie unsere Gruppenstärke nochmals. Man wusste ja nicht, ob hier noch wilde Tiere oder Gladiatoren vorzufinden waren und wir wollten ja nicht alle gleichzeitig in eine Falle rennen. Nee, ganz nach dem alten Blücher, getrennt marschieren und vereint zuschlagen. Oder so.

Tatsache ist jedenfalls, dass meine Leute plötzlich weg waren. Dabei hatte ich doch nur einige Fotos geschossen. Hier kam mir der Slogan von Fishermanns Friend in abgewandelter Form den Sinn: „ Sind die zu schnell, bist du zu langsam“. Ich änderte nun meine Taktik und ging den Rundgang in entgegengesetzter Richtung. Eigentlich müsste ich sie dann ja von vorne aufrollen können. So jedenfalls mein Gedanke . Aber Pustekuchen, da kam mir keiner entgegen. Wo waren die denn geblieben? Vielleicht doch wilde Tiere, Gladiatoren oder hatte man die einfach versklavt. War ja zu den Glanzzeiten des Kolosseums auch normal. Schon komisch, innerhalb dieser Gemäuer konnte man sich das alles gut vorstellen. Fast wie im Kino, nur dass man hier nicht in einer Reihe sitzt, sondern voll drinnen ist. Wau.

Also ging ich alleine weiter und wanderte mit meinen Gedanken zurück in der Zeit. In die Zeit, wo das Kolosseum noch mit Leben erfüllt war. In die Zeit der Cäsaren.

Ich fragte mich, ob die Leute damals auch sowas wie Eintritt bezahlen mussten. Ist ja im Grunde auch nichts anderes als ein Sportstadion von heute und da ist halt Eintrittsgeld angesagt. Aus schlauen Büchern war mir aber bekannt, dass hier früher der Eintritt kostenlos war. Die Spiele und Veranstaltungen wurden damals gesponsert. Moment, kommt euch das bekannt vor? Ja, die alten Römer waren der Zeit schon voraus oder wir hinken hinterher. Jedenfalls hat sich da ja nicht viel geändert, nur das heute Sponsoring nicht unbedingt ausreicht, um die Kosten zu decken. Die Eintrittspreise werden nur ein wenig billiger. Aber damals – im Fall des Kolosseums war es die Kaiserfamilie – wie heute- denken wir mal an Krombacher bei den Fußballübertragungen – ging bzw. geht es um Popularität. Obwohl Jahrhunderte dazwischen liegen, das gleiche Ziel und die gleiche Methode. Schon stark. Oder anders, man sind wir vorzeitlich.

Die ollen Mauerreste auf dem Boden des Kolosseums hat man früher nicht sehen können. Da waren nämlich Holzbohlen darüber. Diese bildeten den eigentlichen Boden, die Mauerreste gehören zum früheren Kellergewölbe. Hier waren dann die Käfige für die wilden Tiere, die u. a. bei den Spielen auf Menschen gehetzt wurden.

Die Gladiatoren haben hier nicht gesessen. Die kamen bei Bedarf aus der nahegelegenen Schule Ludus Magnus und betraten das Kolosseum von der Westseite mit einem prächtigen Festzug. Könnte ich mir in der Schule auch gut vorstellen. Z.B. zu Prüfungen oder ähnlichem. Die Lehrer empfangen dann die Todesgeweihten mit Beifall und so. OK, war aber zumindest ein schöner Traum.

Irgendwo, über mir war auch der Zugang des Kaisers zu seiner Loge. Der wollte mit dem gemeinen Volke nicht in Kontakt kommen. Das muss man sich wie heute vorstellen, wenn irgendein Promi zu seinem Platz will. Möglichst mit Bodyguards und über einen separaten Eingang. Überhaupt hatte hier jede soziale Schicht ihrer eigene, bestimmte Ordnung um zu ihren angestammten Sitzplätzen zu kommen. Die unterste soziale Sicht auf den obersten Rängen musste sogar stehen. Hinzu kommt, dass die obersten Ränge nicht aus Stein, sondern aus Holz waren. Hatte wohl mit der Statik zu tun.

Ja, da drüben muss die Loge des Kaisers gewesen sein. Ich kann mir gut vorstellen, wie der Kaiser dort stand und über das Leben oder den Tod des unterlegenden Gladiators mit Daumen hoch oder nach unten entschieden hat. Komisch, wieso muss ich gerade jetzt an meine Abiturprüfungen im nächsten Jahr und unsere Lehrer denken. Bloß schnell weg mit dem Gedanken. Ganz so schlimm kann es ja nicht kommen. Die Lehrer haben bei den Prüfungen zum Glück keine Loge, aber einen Daumen………

Und nun weiter mit der Besichtigungstour. So langsam kocht mir aber das Wasser im Arsch. Ganz schön heiß hier drinne. Auf den Rängen ist nirgendwo Schatten. Jetzt einen Pool, das wär`s. Übrigens Pool, der Dichter Martial behauptete ja, dass bei der Einweihung des Kolosseums hier eine Seeschlacht nachgestellt wurde. Und tatsächlich ergaben jüngste Forschungen, dass dem so war. Man entfernte einfach den Holzboden und erreichte eine Wassertiefe von 1,5 Metern. Das reichte für das Vorhaben. Man kann auch sagen, die Römer erfanden den größten Swimmingpool der Welt.

Wenn man sich vorstellt, dass damals 55.000 Personen hier rein passten und das Ding garantiert immer voll war, muss dass ganz schön gestunken haben. Ich meine stundenlang in der Sonne brüten und dann hat man ja auch nicht regelmäßig eine Körperpflege betrieben. PUUUHHHH. Aber, ist das heute anders? Jedenfalls haben die ollen Römer auch hier eine Lösung parat gehabt.

Das ganze Kolosseum wurde bei Bedarf mit einem Sonnensegel überspannt. Ähnlich dem Berliner Olympiastadion. Nur besser. Das Ding konnte nämlich – wie bereits gesagt – bei Bedarf aufgezogen werden. Das ist High-Teck was? Und das ohne Computer.

Allerdings streiten sich hier die Gelehrten, ob das ganze Kolosseum unter einem Sonnensegel lag oder nur die Teile der Ränge, auf denen die hochgestellten Persönlichkeiten saßen. Wer hier wieder Ähnlichkeiten mit heute erkennt, der ist ein Schelm.

Allerdings drängt sich hier die Frage auf: „ Wie kamen die 55.000 Zuschauer hier eigentlich rein?“ Ist das so wie heute, wenn man zu Hertha geht? So als Presswurst durch die paar Eingänge. Soweit ich weiß, gab es über 76 Eingänge, über die die Zuschauer in rund 15 Minuten auf ihre Plätze gelangten. Das ist echt eine Leistung. Hier könnten die Architekten moderner Stadien nur von lernen. Heute gibt es das Gebiet der Panikforschung, bei der unter Zuhilfenahme von Computerprogrammen das Verhalten einer Personenmasse bei Panik erforscht wird. Das gab es damals ja nicht und trotzdem die kurze Zeit, um ein Stadion voll zu bekommen oder zu leeren.

So, jetzt aber was zwischen die Kauleiste. Bei soviel Kultur und High-Tech kann man ja auch Hunger bekommen. Aber hier gibt es ja keine Imbissbude. Ist ja wieder mal typisch. Auch hier waren die ollen Römer besser. Spiele ohne Snacks oder ähnlichem? Nee. Die wussten nämlich, dass es hier nichts gibt. Also haben sie sich ihr Essen und die Getränke halt selber mitgebracht. Da gab es halt noch keine Taschenkontrollen. Aber auch keine Freaks, die auf Veranstaltungen nur Randale suchen. Also gut, Essen ist hier drinne jedenfalls heute nicht.

Ach übrigens, wusstet ihr dass auch Asterix hier gekämpft hat? Der Zustand des Kolosseums rührt nämlich nicht vom natürlichen Zerfall her, sondern durch Asterix’s Kämpfe. Nachzulesen in:

Asterix als Gladiator

Jetzt will ich mal sehen, ob ich den Rest der Truppe wiederfinde. Mal sehen, ob ich einen am Handy bekomme. Eines der wenigen Dinge, die die Römer nicht hatten. Wie wir gesehen haben, können wir uns Stadiontechnisch ja nicht mit ihnen messen.

Endlich, Benny geht an das Handy, kann mir aber auch nicht sagen, wo die anderen sind. Schon gar nicht, wo er ist, weil er gerade mit einer Art Tandem unterwegs ist und wiedermal keinen Plan hat, wo er steckt. Ist jedenfalls noch Rom, glaubt er jedenfalls.

Also gut, dann zurück zum Hauptquartier und auf den Rest warten. Wieder im Hotel, muss ich meine Meinung ändern. Das Hotel stammt doch nicht aus der Zeit des Kolosseums. Nein, wirklich nicht. Es ist viel älter. Denn hier funktioniert überhaupt nichts. Von den Steckdosen bis zum Service der Handwerker. Unser Handwaschbecken ist immer noch nicht wieder an der Wand. Heißt Rom vielleicht deshalb die ewige Stadt, weil hier alles ewig dauert?

Dominik Heim


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