Lutz Rathenow liest aus alten und neuen Büchern und diskutiert mit den Schülern der Kantschule Falkensee
Am Donnerstag, den 20. September gab es für zwei Kurse der Jahrgangsstufe 11 einen ganz besonderen Deutschunterricht. Die etwa 40 Schülerinnen und Schüler der Kantschule konnten einen Autor live erleben, der ihnen gewöhnlich nur mittels eines Schulbuchtextes begegnen würde.
Lutz Rathenow, ein in Berlin ansässiger Schriftsteller, hatte die Einladung der Schule angenommen und war gekommen, um sich und sein Werk den Schülern vorzustellen und um mit den Schülern zu diskutieren. Als der Autor kam, war die Spannung groß, hatten doch die Schüler im Vorfeld Texte von ihm im Unterricht besprochen. Da stellt sich natürlich die Frage, wie sieht denn der Mensch dahinter aus, wie redet er, wie denkt er, was wird er uns sagen, antworten?
Als der große, dunkel gekleidete Mann mit hellen Haaren und Bart seine zahlreichen Bücher auf dem Tisch verteilte, konnte man meinen, ein Buchhändler richte seinen Stand her. Doch wie sich zeigte, waren die vielen Bücher dafür gedacht, Zeugnis vom Leben und Wirken des Autors ab zu geben. Vom Kinderbuch über Gedichtbände über Sammlungen von Essays oder Kurzgeschichten bis hin zu Bildbänden mit sinnreichen Textkommentaren hatte Rathenow alles zu bieten. Seine Leseproben würzte Rathenow mit hintergründigen und witzigen Kommentaren, denen allerdings nicht immer leicht zu folgen war. Man musste sich erstmals an seine verschmitzte Vortragsweise gewöhnen.
Als nach der Lesung Raum für Fragen war, kristallisierte sich sehr schnell ein Schwerpunkt heraus: die Dissidentenvergangenheit des Autors. Warum habe er sich gegen das System gestellt? fragte ein Schüler. Weil er Verschiedenes als Unrecht angesehen habe, meinte Rathenow, aber auch einfach, weil es damals mutig war, sich gegen offizielle Stellen aufzulehnen (auch weil dies bei Mädchen gut angekommen sei). Heute würde ihm das Eine oder Andere von dem, was er damals gesagt und getan habe, als sehr gewagt vorkommen und er würde es nicht mehr tun. Warum sei er nach all den Schikanen in der DDR geblieben? Weil er dieses Land trotz all der Unzulänglichkeiten gemocht habe und er sich auch nicht habe vertreiben lassen wollen. Sei es heute besser und einfacher als Schriftsteller zu Leben? Die Frage sei schwierig zu beantworten, sagte Rathenow. Früher habe er mit der Staatssicherheit gekämpft, heute kämpfe er mit dem Finanzamt oder ähnlichen Behörden. Heute gäbe es die Freiheit des Wortes, dafür aber einen relativ harten Existenzkampf für einen Schriftsteller.
Auf die Frage, wie sich die Schikanen des DDR-Regimes konkret gezeigt hätten, gab Rathenow das Beispiel einer Geschichte aus seinem Kinderbuch "Der Eisbär aus Apolda". In dieser Geschichte streiten sich zwei Stinktiere darüber, welches am stärksten stinken kann. Die Stasi deutete diesen Text als versteckte Anspielung auf den Ost-West Konflikt. Genauer: Die Stinktiere seinen die DDR und die BRD, die sich gegenseitig mit "Dreck" bewerfen. Für diese Interpretation gab es im Text überhaupt keine Anhaltspunkte. Davon konnten sich die Zuhörer selbst überzeugen. Wer einmal im Visier der Staatssicherheit war, so Rathenow, dem traute sie alles zu. Auch dass er eine harmlose Kindergeschichte dazu benutzen würde, um die DDR zu diffamieren. In einem, so der Autor weiter, hätte sie aber Recht gehabt: Er habe stets versucht, den Staat zu kompromittieren. Nur eben nicht in dieser Geschichte.
Ob am Ende der Veranstaltung alle Fragen geklärt waren? Wohl kaum. Da hat doch der Autor z. B. ein Gedicht vorgelesen mit dem Titel "Die Macht der Worte". Das Gedicht handelt von jemandem, der den Antrag an die Staatsführung stellt, binnen einer Frist von einem Jahr die Grenze zu öffnen. Und siehe da, das Wunder geschieht: Noch innerhalb der Frist wird dem Antrag stattgegeben. Ist dies Gedicht ein gutes Zeugnis von der Macht der Worte oder einfach nur von der subtilen Ironie des Dichters? Die Frage wurde nicht gestellt. Warum eigentlich auch? Auf manche Frage weiß nur der Leser bzw. Zuhörer die Antwort. Und das ist gut so.
Wir danken Lutz Rathenow für seine Bereitschaft an unsere Schule zu kommen und für seine Bücherspende für unsere Schulbibliothek. Ebenso danken wir der Konrad Adenauer Stiftung für ihre Unterstützung.
E. Guist
Selber denken, selber handeln.
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