Geschichte vor Ort erfahren: In den Fängen der Staatssicherheit

Unser 13er Grundkurs Geschichte besuchte am 15. März 2013 die Gedenkstätte für politische Verfolgung in der Genslerstraße in Berlin-Hohenschönhausen, das ehemalige zentrale DDR-Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit.

Beeindruckt hat uns zunächst der ältere Teil des riesigen Haftkomplexes, der zu DDR-Zeiten völlig von der Außenwelt abgeschirmt war. Man kam nicht einmal in seine Nähe. Die Häftlinge nannten es das "U-Boot", weil die engen Zellen ohne Fenster im Keller lagen. Hier sperrte die sowjetische Besatzungsmacht alle möglichen politischen Gegner ein und verurteilte sie ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren. Als Schülergruppe stellten wir uns nur für kurze Zeit in eine enge, völlig karge Zelle. Also uns hat es voll und ganz gereicht, wir hätten es bestimmt nicht eine einzige Nacht darin ausgehalten.

Anschließend besichtigten wir mit unserem Gedenkstättenführer die neueren Zellen- und Verhörgebäude, die von der Staatssicherheit, dem sogenannten "Schild und Schwert" der SED-Diktatur, Ende der 1950er Jahre errichtet wurden. Zunächst sahen wir uns einen von außen getarnten Gefangenentransporter (Aufschrift: Wäscherei oder Obst & Gemüse) mit 5 völlig dunklen Minizellen an, der in einer großen, extrem hellen Schleuse, einer Art Garage, stand. Die Gefangenen wussten zu diesem Zeitpunkt meistens nie, wo sie waren, denn die Transporter fuhren mit Absicht lange Umwege, um den Aufenthaltsort zu verschleiern.

Die Zellen im neueren Teil waren zwar etwas geräumiger, hatten aber nur Glassteinfenster, durch die man nicht durchsehen konnte, und, für uns gar nicht vorstellbar, eine Toilette in einer Ecke ohne Sichtschutz für mehrere Gefangene.

Ein besonderes Erlebnis war es für uns, dass wir die Räumlichkeiten nicht von irgendeinem Mitarbeiter der Gedenkstätte gezeigt bekamen, sondern vom Zeitzeugen Thomas Raufeisen, der selbst in diesem Gefängnis von 1981-1984 eingesperrt war. Seine spannende Geschichte erzählte er uns fast am Ende unseres Rundgangs:

Viele Fotos von einer beklemmenden Exkursion.

Thomas Raufeisen (geb. 1962) wuchs mit seinem älteren Bruder und seinen Eltern in Hannover auf. Im Jahr 1979 fuhren sie in die DDR, weil der Vater ihnen sagte, dass es dem Opa an der Ostsee schlecht gehen würde. Das stimmte aber nicht, denn der Vater offenbarte seiner Familie, als sie in der DDR waren, dass er Spion der Staatssicherheit in der BRD war und die Familie ab jetzt in der DDR leben müsste. Das war ein Schock für Thomas, seinen Bruder und seine Mutter, der letztendlich die Familie zerstörte. Er wollte fortan nur noch zurück nach Hannover, doch das wurde ihm im Gegensatz zu seinem volljährigen Bruder verwehrt. Er musste in der DDR – in einem für ihn völlig fremden Land - zur Schule gehen und eine Ausbildung anfangen. Selbst der Vater wandte sich von der DDR ab. Die Familie stellte mehrere Ausreiseanträge und versuchte auf vielen Wegen die DDR zu verlassen. Das wurde ihnen 1981 zum Verhängnis, denn wer in der DDR einen Ausreiseantrag stellte oder fliehen wollte, wurde sofort zum Staatsfeind und geriet in die Fänge der Staatssicherheit. Ein Jahr wurden Thomas und seine Eltern in der Haftanstalt Hohenschönhausen verhört mit dem Ergebnis, dass sie vorher feststehende Urteile wegen Landesverrats und Republikflucht erhielten: Thomas bekam 3 Jahre, seine Mutter 7 Jahre und der Vater als ehemaliger Staatssicherheitsmitarbeiter lebenslänglich.

Wenn man sich vorstellt, dass Thomas nur nach Hause in seine Heimat wollte und dafür 3 Jahre Gefängnis bekam – eine schlimme Vorstellung. Die 3 Familienmitglieder konnten sich hier und später im Gefängnis Bautzen II nur ab und zu sehen, waren in ständiger Unsicherheit, ob es den anderen gut ging.

Am 9. Oktober 1984 konnte Thomas Raufeisen dann endlich in die Bundesrepublik übersiedeln. Aber die Jahre seit 1979 konnte ihm niemand mehr zurückgeben, sie waren für immer verloren. Kaum vorstellbar für Jugendliche, dass einem in diesem spannenden Alter einfach 3 oder eigentlich 5 Jahre geraubt werden. Seine Mutter konnte ihm erst 1988 folgen, der Vater war jedoch unter merkwürdigen Umständen bereits ein Jahr vorher in der Haft nach einer Operation gestorben.

Diese spannende Geschichte kann man selbst nachlesen, denn Thomas Raufeisen hat seine Erlebnisse in einem absolut spannenden und zugleich erschütternden Buch nieder geschrieben: Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei. Eine deutsche Tragödie, 2. Auflage, Herder-Verlag Freiburg i.B. 2011. Lest es selbst! Es ist wirklich zu empfehlen!

Beim weiteren Rundgang zeigte er uns den nicht enden wollenden Gang mit über einhundert Vernehmungszimmern auf mehreren Etagen, in denen die geschulten Vernehmer der Staatssicherheit die politischen Häftlinge durch monatelange Verhöre psychisch fertig gemacht haben und zu Geständnissen gezwungen haben. Von seinen eigenen Verhören, wie unsicher und ausgeliefert er sich dabei gefühlt hatte, erzählte er uns lebhaft. Das führte uns klar vor Augen, dass die DDR kein Rechtsstaat war, sondern vielen Menschen Unrecht angetan wurde, die sich gegen das politische System der DDR gestellt haben oder einfach nicht mehr in der DDR leben wollten.

Zum Abschluss betraten wir den superkleinen Freigangsbereich, eine Art Betonkäfig von 12-15 Quadratmetern, mit Gittern auf fast drei Meter hohen Betonwänden. Hier durfte man höchstens einmal täglich eine gewisse Zeit an die frische Luft. Auch hier konnte man nicht erraten, wo man sich eigentlich befand.

Thomas Raufeisen verabschiedete uns mit den Worten, dass wir die persönliche Freiheit gar nicht hoch genug einschätzen könnten, was wir nach diesem Rundgang und vor allem seinen Erzählungen verstanden haben. Es war eine Geschichtsstunde der besonderen Art, weil sich hier vieles nachvollziehen ließ, das einem die Lehrbücher nicht bieten können. Als Fazit: Der Gedenkstättenbesuch ist absolut zu empfehlen und die Führung durch einen Zeitzeugen ein Glücksfall.

Danke Herr Raufeisen!!

Die Schüler und Schülerinnen des Grundkurses Geschichte & Herr Leps

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