Besuch einer Gerichtsverhandlung zu Verbrechen aus der Nazi-Zeit

An einem Donnerstagmorgen im Dezember traf sich unser Geschichtskurs in Brandenburg an der Havel, um uns dort den Prozess eines 101-jährigen (Josef S.) anzusehen, der von 1942 bis 1945 mutmaßlich als KZ-Wachmann in Sachsenhausen gedient hat.

Die Verhandlung findet in einer Turnhalle (in der Nähe seines Wohnortes) statt, da der Angeklagte mit seinen über 100 Jahren nicht mehr so mobil ist. Trotzdem ist er aber verhandlungsfähig und wirkt auch recht fit für sein Alter. Als wir in die Turnhalle reinkommen, müssen wir erst einmal durch einen Metalldetektor und unsere Handys abgeben; man merkt es wird ernst. Die Halle wurde für den Prozess extra umgebaut, es hängen zwei große Bildschirme von der Decke, auf denen dann Beweise oder andere Unterlagen auch für die Zuschauer ersichtlich gemacht werden. Man kann also erkennen, dass Zuschauer erwünscht sind. Generell sieht der Raum einem Gerichtssaal sehr ähnlich. 

Die Gerichtssprecherin und ein Anwalt der Nebenkläger nehmen sich vorab ein paar Minuten Zeit, um uns zu berichten, was in diesem Prozess bislang verhandelt wurde und Fragen zu beantworten.

Und dann fängt es an, ein alter Mann wird von 2 Pflegekräften begleitet und setzt sich. Noch hat er einen Hefter vor seinem Gesicht. Der Alte kann einem in dem Moment schon irgendwie leidtun, er kann sich kaum alleine setzen und muss von den Pflegekräften halb getragen werden. Zumindest ist das der erste Eindruck, der entsteht. Danach sollen sich alle erheben, die RichterInnen betreten den Sitzungssaal. Jetzt sind alle vollzählig, zwei Staatsanwälte und drei Nebenkläger sitzen dem 101-jährigen und seinem Anwalt gegenüber.

An diesem Verhandlungstag geht es um den historischen Kontext, geschichtlich interessant, aber alle, die ein gerichtliches Hin und Her, Einsprüche, Diskussionen o.ä. erwartet haben, werden enttäuscht. Es wird ein Historiker (Sachverständiger) aufgerufen, welcher dann ca. 3 Stunden über das damalige Geschehen in Sachsenhausen redet. Höchst interessant zu sehen, was tagtäglich in so einem Konzentrationslager vonstatten ging, wie die KZ-Statistiken manipuliert wurden, wie die perfiden Tötungsaktionen immer ausgereifter wurden und mit welchem Bürokratismus die Deutschen ihre grausamen Taten festgehalten haben. Für mich war das sehr interessant. Besonders beeindruckend fand ich die Arbeit des Historikers, mit welcher Genauigkeit er jede gestellte Frage beantworten und dazu Original-Dokumente präsentieren konnte, die er aus vielen Archiven zusammengetragen hat.

Leider war genau diese Genauigkeit und Ausführlichkeit für viele das, was es etwas schwer machte, seinen Ausführungen zu folgen; einer Person drei Stunden zuzuhören ist nicht ohne. Trotzdem konnte man sich, auch wenn man nicht jede Sekunde zugehört hat, ein besseres Bild von der Zeit des Nationalsozialismus machen. Von daher sehe ich die Exkursion als sehr gelungen an. Man kann uns Menschen nicht oft genug an das Leid erinnern, was andere aufgrund einer inhumanen Ideologie erleiden mussten.

Soll der uralte Mann nun, mehr als 75 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur, für die (mutmaßliche) Beihilfe zum Mord an Tausenden Gefangenen im KZ-Sachsenhausen verurteilt werden? Die Beweise für seine Beteiligung scheinen erdrückend, auch wenn er bislang leugnet, als SS-Mann in Sachsenhausen gedient zu haben. Bis Ende März wird noch verhandelt, danach fällt das Gericht sein Urteil.

Jesco Eschrich (Ge-GK 13/4)

(Foto: AP/Markus Schreiber)

2 thoughts on “Besuch einer Gerichtsverhandlung zu Verbrechen aus der Nazi-Zeit

  • 17.01.2022 um 11:06
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    Danke für die eindrucksvolle Schilderung. Sehr interessant.

  • 16.01.2022 um 22:18
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    Wohl kaum möglich, so eine Exkursion zu vergessen.

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