Pädagogik

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Pädagogik als Unterrichtsfach an der Gesamtschule „Immanuel Kant“ mit Gost in Falkensee

 Pädagogik / Erziehungswissenschaft – als Unterrichtsfach in der Sekundarstufe II an unserer Schule. – Muss das sein!? – Ja, muss!

Dass man das Gefühl hat, dass Erziehung gerade heutzutage – sei’s in Schulen, sei’s in Familien oder sonstwo – immer schwieriger wird, liegt wohl auf der Hand. Sich damit also intensiver auseinanderzusetzen – und das nicht nur, weil „Super-Nannys“ („Super-Goofy“ hieß früher ein einschlägiges Comic der Mickey-Maus-Reihe) mittlerweile die Bildschirme bevölkern -, scheint geboten. Und zwar gerade dann, wenn man zudem ein zweites Gefühl hat, nämlich das Gefühl, dass Erziehung doch eigentlich etwas mehr, etwas anderes, etwas Ernsthafteres sein müsste, als das, was die „Super-Nanny“ auf dem Bildschirm da macht. Vielleicht sollten wir uns auch einmal ernsthaft die Frage stellen, was alles an der Erziehung nicht stimmt, wenn wir dieser Art von medialer „Walt-Disney-Pädagogik“ einen Teil unserer Aufmerksamkeit schenken. – Was die Medien betrifft, so taumeln wir von der „Rütli-Schule“ („Wild-West-Pädagogik“?) zu Horrormeldungen von Eltern, die ihre eigenen Kinder zu Tode quälen, und von da aus zu Kindern bzw. Jugendlichen, die ihre Lehrer und Mitschüler erschießen usw. Und sind die zahlreichen Erziehungs-Ratgeber, die in den Buchläden angeboten und wohl auch verkauft werden, nicht auch ein Zeichen dafür, dass Menschen zunehmend nicht mehr wissen, wie und wozu sie Kinder erziehen sollen? Lehrer – auch ich – klagen über zunehmendes Desinteresse an Bildungsinhalten und über zunehmende Respektlosigkeiten von Schülerinnen und Schülern. In Elterngesprächen zeigt sich immer häufiger, dass Erziehungsberechtigte nicht mehr wissen, wie sie ihre Kinder „in den Griff kriegen“ sollen …

Wie dem auch sei – Erziehung ist wichtig! Das sollten wir wissen, wir Erwachsenen. Aber warum sollten sich Schülerinnen und Schüler mit dieser Thematik beschäftigen? Ich will – wenigstens – drei Gründe nennen:

Erstens: Wer z.B. Auto fahren will, braucht hierzulande einen Führerschein; wer jagen will, muss sich einer Jagdprüfung unterziehen und erhält bei Bestehen einen Jagdschein. Aber erziehen, das darf jeder, der will oder muss, und zwar wie er will oder glaubt zu müssen – zumindest solange, bis meist das Kind schon sprichwörtlich „in den Brunnen gefallen“ ist. Ob allerdings ein „Erziehungsschein“ die richtige Lösung wäre, wage ich zu bezweifeln. Jedoch werden viele unserer Schülerinnen und Schüler später einmal selbst Erzieher sein, indem sie selbst Eltern werden oder gar, indem sie pädagogische Berufe ergreifen. Wenn die Schule aber auf das Leben vorbereiten soll, dann gehört Pädagogik einfach dazu.

Und wenn – zweitens – Schule etwas mit der Welt, der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler zu tun haben soll, dann kommt man um Pädagogik nicht herum. Denn wer anders, wenn nicht die Schülerinnen und Schüler, sind – im radikalsten Sinne des Wortes – „Opfer“ von vorhandener oder auch nicht vorhandener Erziehung? Sich selbst in dieser Perspektive zu reflektieren, kann fruchtbar sein, nicht nur im Blick auf künftige Aufgaben als Erzieher, sondern auch im Blick auf die eigene Persönlichkeit.

Und schließlich drittens: Einer Schule steht es, so meine ich, gut an, wenn nicht nur Lehrerinnen und Lehrer bei verschiedensten Anlässen „pädagogische Gründe“ beibringen, „pädagogische Konsequenzen“ ziehen würden, sondern auch die Betroffenen selbst stärker in das hineingezogen würden, worum es bei dem Betreiben einer Schule, dem „Schulbetrieb“, eigentlich geht. Pädagogik-Unterricht könnte dazu beitragen, das zu intensivieren, was wir – Lehrer wie Schüler – Pädagogik nennen wollen.

Drei Gründe also, drei gute, so meine ich, Pädagogik als Unterrichtsfach anzubieten. Doch noch einmal zurück zum Anfang: Erziehung ist wichtig, aber auch schwierig, sagte ich, gerade heute. Liest man aber pädagogische „Klassiker“, so findet man, dass auch die „Alten“ sowohl die Wichtigkeit von Erziehung betont haben als auch mit der Erziehung so ihre Schwierigkeiten hatten. Kant z.B. – immerhin der Namenspatron unserer Schule – schreibt:

Der Mensch (…) ist nichts, als was Erziehung aus ihm macht. (…) Die Erziehung ist eine Kunst, deren Ausübung (…) vervollkommnet werden muss. (…) Sich selbst besser zu machen, sich selbst zu kultivieren, und, wenn er böse ist, Moralität bei sich hervorbringen, das soll der Mensch. Wenn man das aber reiflich überdenkt, so findet man, dass dieses sehr schwer sei. Daher ist die Erziehung das größte Problem, und das schwerste, was dem Menschen kann aufgegeben werden.[1]

Erziehung scheint also auch zu anderen Zeiten wichtig und schwierig zugleich gewesen zu sein und ist es wohl noch immer. Aber es kommt noch schlimmer: Wir reden ja nicht nur von Erziehung, sondern – besonders dann, wenn wir von Schule reden – meist von Erziehung und Bildung. Da Bildung – neben Erziehung – zu den Grundbegriffen der Pädagogik gehört, möchte ich zu diesem Begriff einige Bemerkungen machen:

Das Wort „Bildung“ ist abgeleitet von „bilden“, was soviel heißen will wie „einer Sache Gestalt und Wesen (Form) geben“; sprachgeschichtlich lässt sich die Bedeutung von „Bildung“ mit den Worten „Schöpfung, Verfertigung“, dazu auch mit „Abbild (nach einem Vorbild, Muster, Entwurf), Bildnis“ wiedergeben.[2] Wer also gebildet wird, der wird geformt. Hier kann man, muss man fragen: Geformt zu was, von wem und mit welchen Recht? Und wer sich selbst bildet, der gibt sich selbst, nach eigenem Entwurf, eine Gestalt, der macht seine eigene Geformtheit sich selbst zum Thema, zum „Objekt“ seines Tuns. Wie ist so etwas möglich? Inwiefern soll oder darf man einen Menschen in seiner Selbstbildung unterstützen, anleiten oder beeinflussen?

Ich möchte diese – zugegeben – recht komplexen Fragen an dieser Stelle nicht beantworten, sondern stattdessen die Problematik etwas naiver angehen. Der Leser wird sich dann schon selbst ein Bild davon machen. „Bildung“ – ganz naiv heißt das: „sich ein Bild von etwas machen“. – Von was? – Von der Welt in allen ihren natürlichen, sozialen, kulturellen Facetten. Wir fotografieren die Welt aber nicht einfach ab, wenn wir uns bilden, sondern wir erleben, verstehen, interpretieren und gestalten sie. Kein Lehrer kann „machen“, dass wir Bildung „haben“. Was wir „Stoffvermittlung“ nennen, hat mit Bildung nichts zu tun, weder der „Stoff“ selbst und für sich noch das Vermitteln, das Eintrichtern durch Lehrpersonal. Vielmehr geht es darum, dass man in die Lage versetzt wird, sich selbst ein möglichst vielfältiges, vielgestaltiges Bild zu machen. Es geht nicht darum, dass alles subjektiv ist und jeder in allem sieht, was er sehen will. Sondern zunächst geht es darum, dass man es – das Bild und damit auch die Bildung – selbst macht, und dass man Vielfältiges, Vielgestaltiges – „Stoff“ eben – dazu braucht. Insofern kann Schule in der Tat für die Bildung ganz nützlich sein, wenn es denn gelingt, Selbsttätigkeit – Lernen ist ja etwas, was man selbst tut und was kein anderer für einen tun kann, und Lehren kann dieses Tun nur unterstützen – zu fördern und Vielfalt anzubieten. Dazu sind gewisse Fähigkeiten (z.B. Lesen, Schreiben, Rechnen) notwendig, die auch gelernt werden müssen. Denn wer nur die Bilder sieht, versteht kaum, was in der Zeitung steht – abgesehen vielleicht von der „Bildzeitung“. Andererseits, über das Lesen, Schreiben, Rechnen hinaus, hat Bildung etwas mit Vernunft zu tun. Bildungstheoretiker sprechen von der

Bindung von Bildung an Vernunft, das heißt an die kritische Prüfung von Meinungen und Glaubensüberzeugungen, von Erfahrung und Wissen, von Gegebenheiten und Erwartungen, von Ansprüchen und Regeln. Zur Bildung gehört insofern nicht nur Wissen, sondern auch das Wissen um die Grenzen des Wissens. Bildung (…) beinhaltet auch Distanz und Skepsis gegenüber dem Gegebenen, gegenüber sich, gegenüber anderen und insofern ein kritisch vermitteltes Urteilen und Handeln.“[3]

Wenn wir dahin kämen, würde sich Kant, der mit seiner „Kritik der reiner Vernunft“ versucht hat, die Grenzen der Vernunft selbst aufzuzeigen, vielleicht freuen. Was Kant wollte, war Mündigkeit. Vielzitiert verstand er darunter das Vermögen, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“[4]. Mündigkeit ist ohne Bildung nicht zu haben. Dass wir durch Pädagogik-Unterricht zu mehr Mündigkeit und zu mehr Bildung kommen, kann man weder garantieren, noch bestreiten. Sicher ist nur: Erziehung und Bildung gehören als Themen und Praxisfelder zu unserer Lebenswirklichkeit dazu, und von daher sollten sie auch Gegenstand von Unterricht sein können.

Verfasser: Kohnen

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Archiv Schule – Bildungsinstitution oder Fabrik



[1] Immanuel Kant, Über Pädagogik. In: Ders., Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 2 (= Werkausgabe in zwölf Bänden, hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Bd. XII), Frankfurt a. M., 8. Aufl. 1991, S. 699ff (A7, A13f).

[2] Vgl. Dieter Lenzen (Hg.), Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft Bd. 1, Reinbek bei Hamburg, 8. Aufl. 2008, S. 209.

[3] Lothar Wigger / Barbara Platzer / Claudia Equit / Nicole Börner: Erziehungswissenschaftliche Alternativen im Pädagogikunterricht; in: Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen (Hg.), Pädagogik-Unterricht, 28. Jg. Heft 1 – März 2008, S. 17.

[4] Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? In: Ders., Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Politik und Pädagogik 1 (= Werkausgabe in zwölf Bänden, hrsg. v. Wilhelm Weischedel, Bd. XI), Frankfurt a. M., 8. Aufl. 1991, S. 53 (A481).