{"id":34213,"date":"2024-03-22T10:07:22","date_gmt":"2024-03-22T09:07:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kantschule-falkensee.de\/kant2013\/?p=34213"},"modified":"2024-03-22T10:07:23","modified_gmt":"2024-03-22T09:07:23","slug":"es-darf-nicht-soweit-kommen-dass-so-ein-system-noch-einmal-installiert-ist-dann-kommt-der-einzelne-mensch-nicht-mehr-dagegen-an-walter-hameyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kantschule-falkensee.de\/kant2013\/es-darf-nicht-soweit-kommen-dass-so-ein-system-noch-einmal-installiert-ist-dann-kommt-der-einzelne-mensch-nicht-mehr-dagegen-an-walter-hameyer\/","title":{"rendered":"\u201eEs darf nicht soweit kommen, dass so ein System noch einmal installiert ist, dann kommt der einzelne Mensch nicht mehr dagegen an.\u201c \u00a0Walter Hameyer"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 14.03. traf sich der P\u00e4dagogik-Leistungskurs der Jahrgangsstufe 13 mit dem Zeitzeugen Walter Hameyer. Moderiert und erg\u00e4nzt durch historische Fakten und Bildmaterial aus Falkensee wurde die Veranstaltung von der Pfarrerin der Seegefelder Kirchengemeinde Gisela Dittmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Frau Dittmer hat in akribischer Arbeit die Geschichte der Seegefelder Kirche recherchiert. Grundlage waren sowohl Gespr\u00e4che mit Gemeindemitgliedern, historisches Material der Familie von Ribbeck und Archivmaterial u.a. aus zahlreichen Archiven, wie z.B. des Siemenskonzerns, dessen Firmengeschichte mit der Geschichte der Gemeinde verwoben ist. Herausgekommen ist eine Festschrift mit dem Titel \u201e750 Jahre Seegefeld. Christliches Leben im Wind der Zeiten\u201c, erschienen im Jahr 2015.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 1928 geborene Walter Hameyer ist in der Seegefelder Kirche getauft worden und hat nicht nur als jemand der in der NS-Zeit, DDR und Bundesrepublik gelebt hat, viel von seiner Lebens- und Zeitgeschichte zu berichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen haben sich zuvor intensiv auf das Gespr\u00e4ch vorbreitet, indem sie im Rahmen des Unterrichts sowohl die Erziehung in der NS-Zeit als auch das Thema Zeitzeugenberichte schwerpunktm\u00e4\u00dfig erarbeitet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessiert hat vor allem, wie es dazu kommen konnte, dass sich Menschen wie du und ich einem Regime unterworfen haben, dass so viel Leid und Elend \u00fcber die Menschen gebracht hat und welche Rolle dabei die Erziehung spielte. Herr Hameyer meint, dass bereits vor der NS-Zeit die Weichen daf\u00fcr gestellt wurden. Er kann von einem gro\u00dfen Hass gegen Frankreich berichten, welcher von Hindenburg forciert wurde. Hinzu kam ein \u00fcberbordender Militarismus, der in der Gesellschaft herrschte und eine Uneinigkeit \u00fcber die politische Ausrichtung, was eine Zersplitterung der Parteienlandschaft zur Folge hatte. Auch spricht er von Gro\u00dfgrundbesitzer in Ostpreu\u00dfen, die verschuldet waren und Offiziere aus dem 1. Weltkrieg, die ein Interesse daran hatten, dass das System der Weimarer Republik instabil ist. Im Vorfeld der Wahlen im Jahr 1933 kam es in Falkensee bereits zu Einsch\u00fcchterungen von Einzelpersonen, anderen Parteien und Organisationen, die der NSDAP im Wege waren. Auch Journalisten kamen in KZs. Im Keller des Rathauses Falkensee wurden Andersdenkende verschleppt und schwer misshandelt. Eine Gegen\u00f6ffentlichkeit gab es kaum noch. Die Wahlen im Jahr 1933, bei denen die NSDAP mehr als die H\u00e4lfte der Stimmen im Ort bekam, waren, laut Frau Dittmer, bereits nicht mehr frei. Das Bedrohungszenarium f\u00fcr Andersdenkende wurde st\u00e4rker.<\/p>\n\n\n\n<p>Man randalierte oder z\u00fcndete Einrichtungen wie das Fichteheim, eine \u00d6rtlichkeit f\u00fcr Sporttreibende Arbeiter, an und hinderte Feuerwehrleute daran zur Hilfe zu eilen. Zeitgleich forcierte man Initiativen, die die NS-Ausrichtung im Ortsbild sichtbar machten. Die Stra\u00dfe vor der Seegefelder Kirche erhielt den Namen Adolf-Hitler-Stra\u00dfe. Das Gutshaus, das eigentlich der Kirche verkauft werden sollte und die plante dort ein Pflegeheim einzurichten, wurde zum Hauptsitzt der NSDAP.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hitler und Goebbels, der gerne in einer Gastronomie in Finkenkrug einkehrte, wurden zu Ehrenb\u00fcrgern ernannt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zeitgleich wurde das Leben f\u00fcr die ortsans\u00e4ssigen J\u00fcdinnen und Juden immer gef\u00e4hrlicher. Herr Hameyer hatte zwar keine j\u00fcdischen Freunde, \u201edazu gab es zu wenige in Falkensee\u201c, sagt er. Doch er wei\u00df von Juden in seiner weiter entfernten oder direkten Nachbarschaft, wie das j\u00fcdische Kinderheim in Finkenkrug und die Familie Zorn zu berichten. Herr Zorn war ein ehemaliger Offizier im ersten Weltkrieg. Denen hat er mit seinen Freunden Klingelstreiche gespielt. Als die Bedrohungslage f\u00fcr die Familie unertr\u00e4glich wurde, hat der Herr Zorn seine Waffe aus dem Krieg genommen und zuerst seine Frau und dann sich selbst erschossen. \u201eDas war eben so\u201c, berichtet Herr Hameyer<strong>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMan hat sich dar\u00fcber keine Gedanken gemacht. Darum muss man heute gewisse Interessen bei den Jugendlichen wecken, damit das nicht wieder passiert.\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damals war Disziplin an erster Stelle. Wer abgewichen ist, wer nicht \u201enormal\u201c war, nicht den Vorstellungen eines \u201earischen\u201c Menschen entsprach, musste weg. Wie auch Frau Vo\u00df aus der Gemeinde, die einen ihrer Arme nur eingeschr\u00e4nkt nutzen konnte. Sie wurde erst in eine psychiatrische Anstalt und von dort im April 1941 nach Bernburg verlegt. Kurze Zeit sp\u00e4ter erhielt ihr Ehemann die Nachricht, dass sie an \u201egelber Leberatrophie\u201c gestorben sei, also vergiftet wurde. Oder wie die angesehene Hebamme Wilhelmine Reinke, die Abtreibungen an durch Vergewaltigung schwanger gewordenen Zwangsarbeiterinnen im Arbeitslager der Firma Siemens vornahm, um diese vor einer Verschleppung in ein Vernichtungslager zu bewahren. Ihre Asche kam aus Auschwitz nach Falkensee zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Hameyer berichtet von Falkensee als eine Stadt mit ca. 20 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Hinzu kamen noch einmal 20 000 Gefangene Zwangsarbeiter aus Polen, Frankreich, Italien und der Sowjetunion, die von hier in den R\u00fcstungsfabriken schufteten. Es waren menschenunw\u00fcrdige Zust\u00e4nde dort. Die hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Er erinnert sich an den Gestank, der von den umliegenden Teichen, Fl\u00fcssen und Kan\u00e4len ausging, da es noch keine Kanalisation gab und die F\u00e4kalien einfach dort hineingelassen wurden. Nach dem Krieg hat man in die Baracken deutsche Fl\u00fcchtlinge einquartiert. Darum haben sich viele dann auch eher an die Fl\u00fcchtlingslager erinnert als die Zwangsarbeiterlager.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig begannen die Repressalien f\u00fcr die Kirchengemeinde, zu denen zu Beginn der NS-Zeit noch 80 % der Ortsans\u00e4ssigen geh\u00f6rten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jugendliche Kirchg\u00e4nger wurden sonntags dazu gezwungen den Hitlergru\u00df vor der NS-Fahne auszuf\u00fchren<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die in der Jugendarbeit engagierten Mitglieder wurden dazu verpflichtet Hitlers \u201eMein Kampf\u201c zu thematisieren, bevor ihnen schlie\u00dflich ganz verboten war in der Gemeinde t\u00e4tig zu werden. Der Kindergarten der Gemeinde wurde im laufenden Betrieb von der Gestapo ger\u00e4umt. Die kirchlich engagierte Besitzerin der gegen\u00fcberliegenden L\u00f6wenapotheke entzog sich dem steigenden Druck, indem sie Falkensee verlie\u00df. Die Kinder und Jugendlichen sollten in die NS-Organisationen gehen und dort so fr\u00fch wie m\u00f6glich auf dessen Ziele eingeschworen werden: der uneingeschr\u00e4nkte Wille sich der \u201eVolksgemeinschaft\u201c unterzuordnen und kampfbereit zu sein. Auch Herr Hameyer war in der HJ.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDas Strammstehen und das Kommandieren waren f\u00fcr mich wie Gift. Du wurdest eben st\u00e4ndig unterdr\u00fcckt\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aber viele Jugendlichen waren begeistert von dem milit\u00e4rischen Gebaren in der HJ. Wenn man die Uniform der HJ oder dem BDM anhatte, dann konnte einem kein Lehrer etwas antuen. Es wurde in der Schule noch gepr\u00fcgelt. Aber man hatte so seine Tricks und hat den Lehrern auch Streiche gespielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits 1936 wurden in Berlin Gasmasken ausgeteilt und erprobt, woraus f\u00fcr Herr Hameyer die fr\u00fche Kriegsvorbereitung des NS-Regimes hervorgeht. Er selbst hatte zu dieser Zeit ein schweres famili\u00e4res Schicksal zu tragen. Doch in der HJ wurde sein Interesse am Fliegen geweckt und er wurde Segelflieger. Da er erst 17 Jahre alt war, wurde er vorerst nicht zum Kampfpiloten verpflichtet. \u201eSonst s\u00e4\u00dfen wir jetzt nicht hier zusammen\u201c, so Hameyer. Viele der damals vollj\u00e4hrigen Jungen die dazu eingezogen wurden, \u00fcberlebten die ersten Kriegsjahre nicht, wei\u00df er zu berichten.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kirchengemeinde erhob sich Widerstand gegen das NS-Regime. In Falkensee seien ca. 200 Menschen der bekennenden Kirche zuzurechnen gewesen, welche sich zu ihrem Glauben an Gott als dem einzigen Herrn bekannten und sich somit gegen Hitler engagierten. Die M\u00e4nner aus den Reihen wurden jedoch schon fr\u00fch zum Milit\u00e4rdienst eingezogen und kehrten mehrheitlich nicht aus dem Kriegsdienst zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Herr Hameyer an irgendeiner Stelle gedacht habe, dass etwas nicht richtig l\u00e4uft, fragt eine Sch\u00fclerin. Herr Hameyer verneint. Er habe schon bemerkt, dass in der Pantoffel-Fabrik in der Gartenstra\u00dfe immer weniger Juden Zwangsarbeit leisten. Aber<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eman hat sich gar keine Gedanken dar\u00fcber gemacht. Die waren einfach weg.<\/strong> <strong>Das hat man so akzeptiert. Man hat seine Arbeit gemacht\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Kriegsgefangenschaft in Posen habe man ihm und seinen Kameraden von Auschwitz erz\u00e4hlt. Doch das konnte er zun\u00e4chst nicht glauben. Erst als man ihn nach Auschwitz brachte, wurden die Gr\u00e4ueltaten f\u00fcr ihn war.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Falkensee hatte man aufgrund der N\u00e4he zur milit\u00e4risch genutzten D\u00f6beritzer Heide und der Anbindung nach Berlin gro\u00dfes vor. Zur Flugabwehr und Unterst\u00fctzung der Gro\u00dfstadt Berlin waren auf dem Gebiet Gesch\u00fctze, Flaggger\u00e4t und Scheinwerfer verteilt worden, die auch von Jungen wie Herrn Hameyer bedient worden sind. Er wurde zum Ende des Krieges aufgrund eines Missverst\u00e4ndnisses, durch das man ihn der Wehrzersetzung beschuldigte, im Stellungskrieg in Berlin eingesetzt. Herr Hameyer wurde zwar begnadigt, musste aber daf\u00fcr mithelfen eine Br\u00fccke zu sprengen, um den Vormarsch der russischen Soldaten aufzuhalten, die bereits am Gesundbrunnen waren. Andere wurden deswegen noch kurz vor Kriegsende erschossen. Damals hatte er gro\u00dfe Angst um sein Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Herr Hameyer die N\u00fcrnberger Prozesse verfolgt habe? \u201eDas ist schon durch die Glieder gegangen, was passiert ist\u201c, ist die Antwort. \u201eAber in der Zeit als die Verfolgung massiv begann, hie\u00df es f\u00fcr uns<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Deutschland macht die Olympiade. Wir sind nach Elstal gefahren und haben uns zum ersten Mal mit schwarzen Menschen unterhalten. Falkensee ist aufgelebt<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie das gewusst h\u00e4tten, was in den KZs geschieht, h\u00e4tten Sie dann etwas anders gemacht?\u201c ist die Frage einer weiteren Sch\u00fclerin. \u201eNee\u201c, ist die Antwort von Herrn Hameyer, \u201edie Menge war so daf\u00fcr. Alle anderen waren unsere Feinde. Wir waren Deutsche, wir waren die Herren, das Herrenvolk. Darum frage ich heute,<\/p>\n\n\n\n<p><strong>was ist in uns drin? Was ist mit uns passiert? Wie kann man KZ-Aufseher werden, wenn man vorher Arzt war?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Uns geht es doch heute so gut, dass wir solche Fragen stellen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass wir unsere Freiheit erhalten und nicht Situationen schaffen, in denen erste Schritte hin zur Unfreiheit vorgenommen werden. Was kann es f\u00fcr uns Besseres geben als Demokratie? Aber Demokratie ist nicht einfach.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Lydia Jenderek<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 14.03. traf sich der P\u00e4dagogik-Leistungskurs der Jahrgangsstufe 13 mit dem Zeitzeugen Walter Hameyer. 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