Drei Sprachen, ein Shop und viele Begegnungen
Erasmus+ in Dänemark: Was zwischen Produktfotos, Brettspielen und gemeinsamem Kochen entsteht
Wie heißt „Gartenfrida“ eigentlich auf Dänisch? Wie bewirbt man einen Zahnpastarestausdrücker? Und was hilft, wenn man jemanden kennenlernen möchte, aber noch nicht so recht weiß, wie man das Gespräch anfangen soll?
Unsere Erasmus+-Reise zur Toftlund Distriktsskole vom 31. August bis zum 5. September 2026 bot reichlich Gelegenheit, diesen Fragen nachzugehen. Unter dem Projekttitel „From Design to Digital Shop“ arbeiteten 14 Jugendliche der Jahrgangsstufen 9 bis 12 der Gesamtschule „Immanuel Kant“ Falkensee mit ihren 24 dänischen Partnerschülerinnen und -schülern an zweisprachigen Produktseiten und digitalen Werbemedien.
Das fachliche Ziel gab die Richtung vor. Was diese Woche besonders machte, waren jedoch die Begegnungen: beim gemeinsamen Tüfteln, beim Überwinden kleiner Sprachhürden und oft gerade dann, wenn eigentlich Pause war.
Ankommen heißt auch: erwartet werden
Die erste Herausforderung wartete bereits vor der Abreise. Die Gruppenbuchung über die verschiedenen Bahnanbieter hinweg erwies sich als kompliziert, weshalb wir unsere Fahrkarten schließlich am DB-Schalter kauften. Dann kündigte ein kleines rotes Symbol im DB Navigator an: Unsere Verbindung fiel aus.
Die Alternative bedeutete eine längere Reise, immerhin aber auch eine spätere Abfahrt. So startete eine gut gelaunte, jahrgangsgemischte Gruppe Richtung Dänemark. Trotz der Änderung verlief die Hinfahrt problemlos.
In Skærbæk erwartete uns eine besonders schöne Überraschung: Nina stand am Bahnhof. Der beiläufige WhatsApp-Austausch über unsere Verbindung hatte offenbar einen ganz konkreten Zweck gehabt. Persönliche Verbundenheit zeigte sich hier nicht in großen Worten, sondern darin, dass jemand auf uns wartete.
Nach dem Einrichten in den Ferienhäusern blieb wenig Zeit zum Ausruhen: Essensplan besprechen, Einkaufslisten prüfen, los zum Supermarkt. Schon dort gab es erste Entdeckungen. So nah an Deutschland – und doch standen andere Produkte in den Regalen. Auch toll, einen über einen Meter langen Kassenbon in der Hand zu halten.
In der Nacht regnete es dann so ausdauernd, dass kurz die Frage aufkam, ob der Bau einer Arche die passendere Projektidee gewesen wäre. Auf dem Weg zum Transferbus trockneten glücklicherweise die letzten Regentropfen. In Toftlund folgte ein herzliches Wiedersehen mit Nina, Mette, Pernille und dem Kollegium. Der gute Kaffeeautomat war ein erfreuliches Extra. Der eigentliche Grund, gern zurückzukommen, waren die Menschen.
„Sten, saks, papir“: Verständigung beginnt mit Mitmachen
Nicht jede internationale Kennenlernidee funktioniert auf Anhieb. Einige unserer Icebreaker vertragen noch etwas Feinschliff. Eine große Runde „Super Fan“ mit Schnick, Schnack, Schnuck brachte dagegen Bewegung in die Gruppe – und die erste kleine Dänischlektion gleich mit: sten, saks, papir.
Anschließend erkundeten gemischte Teams die Schule und den Ort. Damit begann bereits, was auch im Projektantrag als Lernziel formuliert war: sich in einer internationalen Gruppe verständigen und gemeinsam Aufgaben bewältigen.
Bei der Vorstellung der mitgebrauchten Produkte wurde es dann ausgesprochen mehrsprachig. Deutsch, Dänisch und Englisch wechselten sich ab. Ein passender dänischer Name für die „Gartenfrida“ ließ sich schließlich nicht einfach durch besonders deutliches Deutsch finden.
Und der „Zahnpastarestausdrücker“ war nicht nur als Produkt interessant, sondern auch als sprachliche Zumutung. Von dort führte der Weg fast zwangsläufig zum „Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“. Ob dieses Wort den praktischen Wortschatz erweitert hat, sei dahingestellt. Einen Anlass zum gemeinsamen Lachen bot es allemal.
Gemeinsam arbeiten – und voneinander lernen
Nach dem Kennenlernen und Ausprobieren der Produkte bildeten sich die Teams nach Interessen. Nun wurden Ideen gesammelt, Fotos aufgenommen, deutsche und dänische Beschreibungstexte geschrieben, Preise kalkuliert und erste Videos gedreht.
Hier wurde der Zusammenhang zwischen Projektziel und Reiseerfahrung besonders greifbar: Die Fremdsprache war kein Übungsgegenstand mehr, sondern ein Werkzeug, um gemeinsam etwas herzustellen. Welches Foto passt? Wie erklären wir den Nutzen? Wie könnte ein Werbevideo aussehen? Solche Fragen verlangten Absprachen über Sprachgrenzen hinweg.
Auch die unterschiedlichen Vorkenntnisse innerhalb unserer Gruppe wurden sichtbar. Bei technischen Schwierigkeiten mit dem Shop führte der kürzeste Weg mitunter nicht zu einer Lehrkraft, sondern zu einem Schüler, der sich besonders gut auskannte. Für uns Lehrkräfte eine angenehme Entlastung – für die Zusammenarbeit eine wichtige Erfahrung: Fachwissen hängt nicht allein von Alter oder Rolle ab.
Die fertigen Fotos, Texte und Videos zeigten, woran gearbeitet worden war. Ebenso aufschlussreich war der Weg dorthin: Jugendliche brachten eigene Interessen ein, übernahmen Aufgaben und unterstützten sich gegenseitig. Genau diese Verbindung von fachlichem Lernen und gemeinsamer Verantwortung war im Antrag vorgesehen.
Digitale Inhalte: überzeugend ist nicht automatisch glaubwürdig
Zur Arbeit gehörten auch erfundene Produktbewertungen. Sie boten einen unmittelbaren Gesprächsanlass: Woran lässt sich erkennen, ob eine Onlinebewertung vertrauenswürdig ist? Was macht einen Text überzeugend – und warum ist Überzeugungskraft noch kein Beleg für Echtheit?
Generative KI kam ebenfalls zum Einsatz, unter anderem bei individualisierten Produktvarianten und Videos. Die Ergebnisse boten Gelegenheit, über Authentizität, Transparenz und die Wirkung künstlich erzeugter Medien zu sprechen.
Damit knüpfte die praktische Arbeit an ein weiteres Lernziel an: digitale Werkzeuge nicht nur bedienen, sondern ihre Ergebnisse kritisch betrachten. Aus den Beobachtungen lässt sich zwar nicht ableiten, dass damit bereits alle Fragen verantwortungsvoller Mediennutzung geklärt wären. Wohl aber zeigte sich, wie konkrete eigene Produkte solche Fragen anschaulich machen können.
Die kleine Einladung, die einen Unterschied macht
Eine besonders schöne Szene spielte sich abseits der Projektarbeit ab: Eine Schülerin holte für ihre Freundin einen sympathischen dänischen Schüler zum gemeinsamen Kartenspiel an den Tisch. Manchmal braucht internationale Verständigung eben keine weitere Methode, sondern jemanden, der die erste Einladung ausspricht.
Gleichzeitig wäre es geschönt, von einer durchgehend bunt gemischten Gruppe zu berichten. Es gab intensive deutsch-dänische Arbeitsphasen und ebenso Momente, in denen die Jugendlichen wieder stärker in ihren vertrauten Gruppen zusammenkamen.
Drei Sprachen gleichzeitig können anstrengend sein – das merkten auch wir Erwachsenen. Diese Wechsel gehörten zur Woche dazu. Sie schmälerten die Begegnungen nicht, sondern zeigten, dass Offenheit und das Bedürfnis nach Vertrautheit nebeneinander Platz haben.
Nach Schulschluss ging das Lernen weiter
In der Schule wurden wir bestens mit Snacks versorgt. Das nächste Abenteuer begann trotzdem nach 18 Uhr, wenn in den Ferienhäusern Herdplatten und Backöfen eingeschaltet wurden.
Kartoffeln, Steaks, Pizza und vieles mehr mussten vorbereitet und möglichst rechtzeitig auf den Tisch gebracht werden. Wir Lehrkräfte durften uns häuserweise durchkosten. Gemeinsames Einkaufen und Kochen ergänzten die Projektarbeit um ganz praktische Aufgaben: Absprachen treffen, Verantwortung übernehmen und den Alltag miteinander organisieren.
Auch für Bewegung und Freizeit blieb Raum, wenn auch weniger als erhofft. Schwimmbad und Aktivitätsbereich der Anlage wurden genutzt; dabei ergaben sich Kontakte zu anderen dänischen Gruppen auf dem Gelände.
Ein besonderer Höhepunkt war der Ausflug nach Ribe. Die Suche nach geeigneten Kulissen für Produktfotos verband sich mit einer Fotorallye. Zwischen Motivauswahl, Stadterkundung und Punktesammeln gingen fachliche Arbeit und gemeinsames Erleben ineinander über.
Ein Abschluss mit Produktseiten – und einem eigenen Soundtrack
Bei der Abschlusspräsentation wurden die erstellten Produktseiten und Videos vorgestellt. Aus den ersten Ideen waren sichtbare Ergebnisse geworden, an denen die deutsch-dänischen Teams gemeinsam gearbeitet hatten.
Herr Hildebrandt ergänzte den Abschluss um ein weiteres KI-Experiment: einen musikalischen Rückblick mit selbst geschriebenem Text. Der Refrain brachte zumindest das Wetter und unsere Entschlossenheit zuverlässig auf den Punkt:
Der Himmel weint in Dänemark.
Doch wie die Wikinger so stark
Ziehn wir jeden Morgen los
mutig, klug und hemmungslos
Die Rückfahrt stellte unsere Ausdauer noch einmal auf die Probe. Ausfälle, Verspätungen und die Suche nach einer passenden Verbindung für die ganze Gruppe machten die Routenwahl anspruchsvoll. Rund elf Stunden waren wir unterwegs; für den berichtenden Bahnfan waren die drei Stunden auf dem Boden eines dänischen Zuges gleich viel angenehmer, war es doch meine erste Reise im dänischen Pendant zum neuen ICE-L. Nicht jede Entscheidung brachte die schnellste Verbindung – angekommen sind wir trotzdem.
Was von der Woche bleibt
Ein persönliches sprachliches Erfolgserlebnis passte besonders gut zu dieser Reise: auf Dänisch bestellen, ohne dass das Gegenüber sofort ins Deutsche oder Englische wechselte, und sogar eine unerwartete Nachfrage beantworten. Jedenfalls kam das richtige Produkt an. Das motiviert mich weiter dänisch zu lernen.
Solche kleinen Situationen stehen neben den sichtbaren Projektergebnissen. Eine gelungene Absprache. Hilfe bei einem technischen Problem. Eine Einladung zum Brettspiel. Ein gemeinsam zubereitetes Abendessen.
Unser wichtigstes Fazit: Die Lernziele wurden dort lebendig, wo die Jugendlichen einander brauchten. Für einen verständlichen Text, ein gelungenes Video oder den nächsten gemeinsamen Schritt. Der digitale Shop war der Arbeitsauftrag. Das gemeinsame Arbeiten und Zusammenleben machten daraus eine Erasmus+-Erfahrung.
Und wo gibt es den Shop: http://shop.kant-moodle.de
