Aufsatz: Job Shadowing in Dänemark (ca. 3000 Wörter)
Als Lehrer ist man ja einiges gewohnt, aber was Herr Hildebrandt und ich gleich am ersten Tag unseres Job Shadowings in Dänemark erlebt haben, war selbst für schulische Verhältnisse bemerkenswert.
Von Sonnenschein zur Sintflut
Bei strahlendem Sonnenschein ging es am Sonntagmorgen am Bahnhof Berlin-Spandau los. Mit leichtem Gepäck, dafür umso mehr Neugier im Rucksack, stiegen Herr Hildebrandt und ich in den Zug. Unser Weg führte uns über Hamburg nach Flensburg – eine Station, die mir vor allem aus einem Grund im Gedächtnis bleiben wird: Es gab keinen Kaffee.
Je näher wir der dänischen Grenze kamen, desto grauer wurde der Himmel. In Roedekro wurden wir schließlich nicht nur von Dänemark, sondern auch von einem ordentlichen Regenguss begrüßt. Die zehn Meter von der Zugtür bis unter das Bahnsteigdach haben locker gereicht, um uns komplett durchnässen zu lassen – bis auf die Knochen.
Ein trockener Empfang – im wahrsten Sinne
Umso wohltuender war die herzliche Begrüßung unter dem schützenden Dach: Dort warteten schon Pernille und Nina auf uns. Die beiden kannten wir bereits von ihrem Besuch an unserer Schule in Falkensee, und es fühlte sich fast ein bisschen an wie ein Wiedersehen mit alten Freunden. So fuhr uns Nina gleich zu unserer Unterkunft. Dort angekommen, wurde sie strahlend von einer ehemaligen Schülerin begrüßt, deren Pferd am gleichen Ort wohnt, an dem wir für die nächste Woche untergebracht waren. Pernille hingegen sah uns, warf einen Blick in Richtung unserer zukünftigen Unterkunft und fragte etwas skeptisch, ob wir denn wohl „mit der Unterkunft klarkommen“ würden.
Wohnen im Reitstall – näher dran geht kaum
Unsere Bleibe für die Woche entpuppte sich als Einliegerwohnung in einem Reitstall. Ja, richtig gelesen: mit direktem Blick in die Reithalle und auf die Pferdeboxen. Während andere Kollegen von Hotels mit Meerblick berichten, konnten wir mit authentischem „Pferdepanorama“ dienen.
Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich beim nächsten Mal noch einmal die Unterkunft buchen darf, wenn ich wieder mit Herrn Hildebrandt unterwegs bin. Aber langweilig war es dort ganz sicher nicht.
Dafür war an Freizeitmöglichkeiten alles vorhanden, was das Pädagogenherz nach einem langen Schultag erfreut: Billard, Dart und Kicker. Der anfänglich doch recht deutliche Pferdegeruch verlor im Laufe der Woche zunehmend an Intensität – oder genauer gesagt: Wir haben ihn irgendwann gar nicht mehr so wahrgenommen. Vermutlich, weil wir am Ende selbst ein bisschen so rochen.
Erste Erkundung von Tuftlund
Dank der von der Schule zur Verfügung gestellten Fahrräder waren wir von Anfang an mobil. Noch am ersten Abend machten wir uns auf den Weg, um Toftlund zu erkunden – und natürlich, um etwas zu essen zu finden.
Schnell stellten wir fest: Die Auswahl an Restaurants ist überschaubar, aber durchaus abwechslungsreich. Aus den vier vorhandenen Lokalen suchten wir uns eines aus, das unseren deutlich spürbaren Hunger stillen durfte.
Auf dem Rückweg statteten wir dann noch den beiden Supermärkten im Ort einen Besuch ab. Nach einem kurzen Vergleich stand fest: Der SuperBrugsen würde unser Stamm-Supermarkt für die kommende Woche werden. Hier deckten wir uns mit allem ein, was man für lange Schultage und abendliche Nachbesprechungen so braucht.
So begann unsere Woche des Job Shadowings in Dänemark: mit Sonnenschein in Berlin, Regen in Roedekro, einer Unterkunft im Reitstall, herzlichen Gastgeberinnen und ersten Erkundungstouren per Fahrrad.
Und schon nach diesem ersten Tag war klar: Diese Fortbildung würde weit mehr werden als ein Blick in den dänischen Schulalltag – nämlich eine Reise voller Eindrücke, Begegnungen und Geschichten, die man so schnell nicht vergisst.
Erster Schultag: Dänisch im MakerSpace
Wie gut, dass Herr Hildebrandt die Idee gehabt hatte, vorab nach Fahrrädern zu fragen – und noch besser, dass die Schule tatsächlich welche zum Verleih hatte. Es war nicht das letzte Mal auf dieser Reise, dass ich dachte: „Wow, was für eine Ausstattung!“
Ich war nämlich fest davon ausgegangen, dass die Schule „gleich um die Ecke“ liegen würde – fünf Minuten zu Fuß, vielleicht zehn. In der Realität befand sie sich allerdings am anderen Ende der Stadt. Ohne Fahrrad wären wir jeden Morgen entweder sehr früh oder sehr verschwitzt (oder beides) angekommen. So aber radelten wir entspannt durch Toftlund, vorbei an Einfamilienhäusern, Feldern und dem kleinen Zentrum, direkt zur Schule mit einem kleinen Umweg über den lokalen Bäcker.
Gleich am ersten Tag bekamen wir einen Einblick in die fächerübergreifende Arbeit im MakerSpace – und das ausgerechnet im Fach Dänisch. Das hätte ich so tatsächlich nicht erwartet.
Die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse (das entspricht bei uns der 9. Klasse) hatten Zitate ausgewählt, die sie persönlich ansprachen und die ihre Schul-Notebooks schmücken sollten. Zuerst wurden die Zitate im Unterricht sprachlich erarbeitet, und anschließend ging es in den MakerSpace:
Mit dem Schneidplotter wurden die Sprüche aus farbiger Folie ausgeschnitten, sorgfältig entgittert und dann auf die Notebooks geklebt. Aus gewöhnlichen Arbeitsgeräten wurden so ganz individuelle Begleiter – mit Botschaften, die zu den Jugendlichen passten: motivierend, witzig oder einfach persönlich. Toll, dass wir dabei sein durften, als eine neue Idee ausprobiert wurde. Uns ist immer noch nicht ganz klar, wieso die fachkundige Hilfestellung von Herrn Hildebrandt, dass „bigger is better“ bei den Schriftzeichen, bei einer Gruppe von Jungs zur besonderen Erheiterung beigetragen hat.
Mich hat dabei besonders beeindruckt, wie selbstverständlich hier Sprache, Gestaltung und Technik miteinander verbunden wurden.
Zweiter Schultag: Same, same, but different
Der zweite Schultag war im Vergleich zu unserem Einstieg eher ereignislos – zumindest auf den ersten Blick. Wir hatten dreimal hintereinander die Gelegenheit zu beobachten, wie eigenständig die dänischen Schülerinnen und Schüler an einem Abschlussprojekt in Biologie arbeiten.
Ein bisschen traf es dabei das Motto: „Same, same, but different.“
Die Themen wirkten vertraut – Experimente planen, Versuche durchführen, Ergebnisse dokumentieren und am Ende präsentieren. Spannend war aber, dass diese Projekte ein fester Bestandteil ihres Schulabschlusses sind. Die Vorbereitungen dafür liefen in der 9. Klasse auf Hochtouren: In kleinen Gruppen wurde diskutiert, protokolliert, gemessen, verworfen und neu gedacht. Unsere Rolle war die der stillen Beobachter – und innerlich lief der Vergleich mit unserem eigenen Schulalltag natürlich mit.
Während Herr Hildebrandt sich besonders für den dänischen Mathematikunterricht interessierte und dort hospitierte, hatte ich das große Glück, von Nina einmal quer durch die gesamte Schule geführt zu werden. Von Fachräumen über kleine Nischen zum Arbeiten bis hin zu den Werkstätten bekam ich einen sehr umfassenden Eindruck vom Schulgebäude und seiner Nutzung.
Bei dieser Führung durch die Schule komme ich auch im Nachhinein noch ins Schwärmen: so viele große Räume, offene Flächen und Ecken für individuelles Arbeiten. Überall gab es Orte, an denen Schülerinnen und Schüler alleine, in Partnerarbeit oder in kleinen Gruppen lernen konnten – fernab der klassischen starren Tischreihen. Man hatte das Gefühl, dass das Gebäude selbst die pädagogische Idee unterstützt, Lernen flexibel und selbstständig zu gestalten.
Ein besonderes Herzensprojekt von Nina ist die Schulbibliothek. Sie ist nicht nur ein Ort zum Lesen und Arbeiten, sondern auch eine Quelle für ganz reale Aufträge für die Designkurse. So wurden unterschiedliche Bereiche, Beschilderungen und Kisten von verschiedenen Designgruppen selbst entworfen und hergestellt. Es ist einfach schön zu sehen, wenn Schülerinnen und Schüler Produkte gestalten, die tatsächlich gebraucht werden und täglich im Einsatz sind. Leider fallen die Ideen für solche Projekte nicht vom Himmel – sie müssen immer wieder neu gesucht, gefunden und weiterentwickelt werden. Genau darin liegt aber auch ein großer Lerngewinn: echte Aufträge, echte Anforderungen, echte Verantwortung.
Leider habe ich ausgerechnet eine Situation verpasst, die ich im Nachhinein nur allzu gern miterlebt hätte: In der Werkstatt fragte einer der Fünftklässler – sie lernen bereits Deutsch –, ob der „deutsche Besuch“ auch bei ihnen vorbeischauen würde. Nina verneinte, woraufhin der Schüler ganz enttäuscht meinte: „Ach, sprechen wir so schlecht Deutsch?“
Das wäre der perfekte Moment gewesen, um meine rudimentären Dänischkenntnisse einzubringen, die ich mir seit einem halben Jahr mühsam anzueignen versuche. Ein paar freundliche Worte auf Dänisch hätten die Situation sicher aufgelockert – und dem Schüler gezeigt, dass wir sein Deutsch durchaus zu schätzen wissen. Für mich blieb es eine kleine Erinnerung daran, beim nächsten Mal den Mut zu haben, meine Sprachkenntnisse früher und öfter auszuprobieren.
Unsere mitgebrachten Präsente hatten dabei einen überraschend großen Auftritt – allen voran das Kalender-Puzzle. Überall im Lehrerzimmer entdeckten wir halb fertig ausgelegte Tage, kleine Grübelrunden von Kolleginnen und Kollegen. Unbeobachtet machten Nina und ich uns schließlich den Spaß, im Internet nach einem Tool zu suchen und den aktuellen sowie den nächsten Tag richtig zu puzzeln.
Zwischendurch gab es noch einen kurzen Abstecher in den Makerspace in Agasko. Dort tauschten wir uns mit Pernille und Katrin ausführlicher über das Konzept des Makerspace aus:
Wie werden die Räume genutzt? Welche Fächer arbeiten dort zusammen? Welche Projekte laufen gut, wo gibt es Hürden?
Für mich war es beeindruckend zu sehen, wie selbstverständlich der Makerspace als Lernort gedacht wird – nicht als „Zusatzraum“, sondern als integraler Bestandteil des Unterrichts. Wieder so ein Moment, in dem ich dachte: Davon nehme ich einige Ideen mit nach Hause.
Mitten im Wattenmeer
Wie gastfreundlich die Dänen sind, erkennt man an den kleinen, aber unglaublich aufwendigen Freundlichkeiten. In unserem Ablaufplan stand der Hinweis: „Bring rubber boots and raincoats.“ Klingt harmlos – wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass weder Herr Hildebrandt noch ich Gummistiefel besitzen. Für unsere Gastgeber offenbar kein Hindernis: Irgendwie haben sie es geschafft, für uns beide Gummistiefel in genau den passenden Schuhgrößen aufzutreiben. Was für eine Gastfreundschaft.
So konnten wir den Ausflug mit der 8. Klasse (unserer 9. Klasse entsprechend) in vollen Zügen genießen. Es ging nach Rømø, um das Wattenmeer zu erkunden. Ausgestattet mit Netz, Forke, Wanne – und natürlich den geliehenen Stiefeln – zog die Klasse hinaus ins Watt. Sehr schnell entwickelte Herr Hildebrandt einen beinahe sportlichen Ehrgeiz, die „Big Five“ des Wattenmeeres aufzuspüren: Wattwürmer, kleine Strandkrabben, Herzmuscheln, Wattschnecken und Nordseegarnelen.
Bevor es hinaus ins Schlickvergnügen ging, bekamen wir eine kurze Einweisung von einem Ranger: Wo suchen wir? Wie heben wir den Boden an, ohne alles durcheinanderzubringen? Jede Gruppe bekam ein mit Wasser gefülltes Glas und eine kleine Wanne, damit die gefundenen Tiere während der Beobachtung sicher untergebracht waren und anschließend wieder wohlbehalten freigelassen werden konnten.
Dann ging es los – und aus Unterricht wurde Abenteuer. Überall wurde gelacht, gerufen, gezeigt, verglichen: Wer findet den größten Krebs? Was zappelt da im Wasser? Als schließlich alle Gruppen wieder an Land waren, wurden die Funde gemeinsam sortiert und bestimmt. Der Ranger erklärte geduldig, welche Rolle die einzelnen Tiere im Ökosystem Wattenmeer spielen und warum dieses so empfindlich und zugleich so wichtig ist. Für die Schülerinnen und Schüler – und ehrlich gesagt auch für uns – wurde Ökologie hier nicht nur Stoff im Lehrplan, sondern etwas Greifbares, Lebendiges, obwohl ich von seinen Ausführungen auf Dänisch meist nur einzelne Wörter verstand und mir den Rest aus Gestik, Kontext und den Tieren im Wasserglas zusammenreimen musste.
Nach der erfolgreichen Expedition überkam die jungen Forscherinnen und Forscher und uns ein großer Appetit, der mit leckerem Eis gestillt wurde.
Beim anschließenden Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen erfuhren wir dann auch, warum im Ablaufplan so deutlich auf Regenjacken hingewiesen worden war: Im Jahr zuvor war der Ausflug in sintflutartigen Regengüssen untergegangen. Diesmal hingegen: bestes Wetter, passende Stiefel und spannende Funde. So macht Lernen Spaß und bleibt im Gedächtnis.
Am Rand dieses Tages blieb mir noch ein kleines sprachliches Erfolgserlebnis: Nina war sehr erstaunt, dass ich das Wort „en musling“ kannte. Sie meinte, das sei kein wichtiges Wort. Ich hingegen finde es wichtig, allein schon, um sagen zu können: „Jeg spiser ikke muslinger.“ Ein Satz, der im Land der Fisch- und Meeresfrüchteküche unter Umständen sehr nützlich werden kann.
Eine Beobachtung, die uns bereits in den ersten Tagen aufgefallen war: Im Unterricht schaute niemand auf ein Telefon, und in den Pausen unterhielten sich die Schülerinnen und Schüler miteinander, spielten zusammen, tobten über den Hof – aber niemand stand nebeneinander und blickte schweigend auf ein Display. An diesem Morgen lüftete sich das Geheimnis: Gleich zu Unterrichtsbeginn gaben die Schülerinnen und Schüler ihre Telefone in bereitgestellte Kisten ab. Plötzlich ergab das Bild der vergangenen Tage Sinn – und wir fragten uns unwillkürlich, wie sich unser Schulalltag wohl verändern würde, wenn wir so etwas auch ausprobieren würden.
Donnerstag: The Grand Tour
Ob der Tagespunkt „The Grand Tour“ wohl eine Anspielung auf eine bekannte Serie bei einem großen Streaminganbieter war? So genau weiß ich das nicht – aber eines steht fest: Es war eine Tour, und zwar eine große.
Station 1: MIND FACTORY by ECCO – Design Thinking zum Anfassen
Unser Tag begann in der ECCO MIND FACTORY in Tønder, einem Innovationshaus, das von den verschiedenen Bildungseinrichtungen des Bezirks genutzt werden kann.
Kaum hatten wir das Gebäude betreten, wurde Nina natürlich schon wieder freudestrahlend von ehemaligen Schülerinnen und Schülern begrüßt. Für uns war das fast schon ein Running Gag dieser Woche: Egal wohin wir kamen – irgendjemand kannte Nina.
Inhaltlich drehte sich hier alles darum, wie Design Thinking wie ein roter Faden durch die dänische Bildung läuft: vom Edison-Projekt, bei dem Schülerinnen und Schüler eigene Ideen entwickeln und präsentieren, über die eigenständige Gestaltung von Produkten hin zur Arbeit im Makerspace. Wir bekamen Einblicke in Projektabläufe, Materialsammlungen, Prototypen und sahen, wie selbstverständlich Kreativität, Problemlösen und Teamarbeit miteinander verknüpft werden.
Natürlich nutzten wir die Gelegenheit auch, um mit den Kolleginnen vor Ort darüber zu sprechen, wie wir unseren eigenen Makerspace an der Schule noch stärker in den Unterricht integrieren können – über einzelne Projekte hinaus hin zu einer festen Säule unseres Schulprofils.
Station 2: VADEHAVSCENTRET
Der nächste Punkt auf der Liste war das VADEHAVSCENTRET, ein Besucherzentrum zum Wattenmeer. Wenn ich ehrlich bin, bin ich bis heute nicht ganz sicher, ob dieser Programmpunkt von Anfang an geplant war oder eher daraus entstand, dass Sabrina an einem falschen Ort auf uns gewartet hatte. Irgendetwas ging in der Übersetzung zwischen Dänisch, Deutsch und Englisch verloren – aber am Ende standen wir vor einem beeindruckend gestalteten Bau.
Auf die Frage, ob wir das Zentrum auch von innen besichtigen wollten, hörte ich mich sagen: „Och nein, muss nicht sein.“ Ich hatte den deutlichen Eindruck, dass diese Antwort eine gewisse Erleichterung ausgelöst hat – der Tag war ohnehin schon gut gefüllt. So blieb es bei einem kurzen Stopp, einem Blick auf das Gebäude und ein paar erklärenden Sätzen dazu.
Station 3: Tønder Museum – auf dem Wendelgang der Designgeschichte
Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das Museum in Tønder mit seinem markanten Wasserturm. Im Inneren windet sich ein Wendelgang nach oben, gesäumt von dänischen Designerstühlen – vor allem Entwürfe von Hans J. Wegner, die auf mehreren Etagen präsentiert werden und von den Besuchenden tatsächlich ausprobiert werden dürfen.
Nina schien zu wirklich jedem Stück eine Geschichte parat zu haben – und gefühlt kannte sie auch jeden dazugehörigen Preis. Für mich schwankte das Ganze irgendwo zwischen Kunst, Gebrauchsmöbel und Designgeschichte zum Draufsitzen.
Weniger schön war die Erzählung, dass vor einiger Zeit über ein außen angebrachtes Baugerüst mehrere Objekte gestohlen wurden. Viele davon konnten inzwischen ersetzt oder rekonstruiert werden.
Obwohl die Tour bis dahin gar nicht so lang gewesen war, meldete sich spätestens jetzt der Hunger, und wir legten erst einmal eine wohlverdiente Essenspause ein.
Station 4: Lægan Pumpestation & Vidåslusen – der Kampf gegen das Wasser
Gut gestärkt ging es weiter zur Lægan Pumpestation, der größten von vier Pumpstationen in der Tønder-Marsch. Hier wird sehr anschaulich vermittelt, wie gewaltige Pumpen Tag für Tag dafür sorgen, dass die Marsch nicht unter Wasser steht.
Nächste Station war die Vidåsluse bei Højer: ein Schleusenbauwerk, das gleich zwei Aufgaben erfüllt – einerseits kann das Wasser aus den Flüssen und den Marschgebieten in die Nordsee abgelassen werden, andererseits verhindern die Schleusentore bei Flut, dass das Meerwasser zurück ins Landesinnere drückt.
Zwischen Deich, Schleuse und weiten Horizonten wurde sehr deutlich, wie eng hier Leben, Landschaft und Technik miteinander verflochten sind. Für uns als Lehrkräfte war das ein wunderbares Anschauungsbeispiel dafür, wie sich Themen wie Klimawandel, Küstenschutz und Hydrologie direkt vor Ort unterrichten lassen.
Finale: Der Marsk Tower – Blick in alle Richtungen
Den krönenden Abschluss bildete der Marsk Tower – ein 25 Meter hoher Aussichtsturm in Form einer doppelten Wendeltreppe. Oben auf der Plattform zu stehen, den Wind im Gesicht zu spüren und noch einmal den Blick über das Marschland und das Wattenmeer schweifen zu lassen, über das wir an einem einzigen Tag so viel gelernt hatten, war ein besonderer Moment.
The Grand Tour war damit nicht nur ein passender Titel, sondern auch ein Tag, der seinem Namen auf ganzer Linie gerecht wurde.
Start des Edison-Projekts – große Ideen, zäher Anfang
Fangen wir ausnahmsweise am Ende an: beim fantastischen Essen in Ribe, bei dem wir von Pernille, Nina, Benedicte und Sabrina verabschiedet wurden. Noch einmal spürten wir diese besondere dänische Gastfreundschaft – warm, herzlich und mit einem kleinen Abschiedsgeschenk. Besonders habe ich mich über ein signiertes Buch von Nina gefreut. Wenn ich weiter Dänisch lerne, kann ich es vielleicht einmal lesen.
Zwischen Hauptgang und Nachtisch versuchte ich Guido in möglichst euphemistischer Weise zu erklären, was ich am Vormittag in der 7. Klasse bei der Einführung in das Edison-Projekt beobachtet hatte. Ich suchte nach Formulierungen wie „sehr frontal“, „etwas zäh“ und „viele Videos, die angesehen wurden“. Nina hörte geduldig zu, lächelte – und fasste meine Ausführungen für Guido schließlich trocken zusammen:
„Robert versucht zu sagen, dass es total langweilig für die Schüler war.“
Und ja, ein bisschen stimmte das auch. Der Einstieg wirkte recht lehrerzentriert, viele Folien, viel Reden, wenig Aktivität – noch.
Dabei steckt im Edison-Projekt ein großartiger Gedanke: Die Schülerinnen und Schüler suchen sich reale Probleme in ihrer Umgebung, entwickeln in einem Design-Thinking-Prozess Lösungsansätze und präsentieren diese nach einer Woche intensiver Arbeit. Von der ersten Idee über Prototypen bis hin zur Präsentation vor einer Jury – Schule als Innovationswerkstatt.
Umso mehr bedaure ich, dass wir nur den Auftakt und nicht die Abschlusspräsentationen dieser Projektwoche miterlebt haben. Ich bin sicher, dass aus dem etwas schleppenden Start am Montag bis zum Freitag viele kreative, überraschende und mutige Ideen entstanden sind – genau das, was man sich von zeitgemäßem Lernen wünscht.
So ging eine ereignisreiche Woche zu Ende. Herr Hildebrandt blieb im Billard ungeschlagen – sehr zu meinem Leidwesen – und ein bisschen werden wir die Pferde und die Hofkatzen auch vermissen. Der Blick in die Reithalle am Morgen, das Schnauben aus den Boxen, die Katzen, die wie selbstverständlich über den Hof spazierten – all das gehörte am Ende genauso zu dieser Fortbildungswoche wie Unterrichtsbesuche und Schulrundgänge.
Rückreise
Die Rückreise verlief weitgehend ereignislos, aber im Ablauf der Hinreise erstaunlich ähnlich. Wieder Umstieg, wieder Warten, wieder die Suche nach Kaffee. Diesmal wurden wir tatsächlich fündig: in einer ziemlich heruntergekommenen Raucherbar am Bahnhof. Es gab Kaffee – technisch gesehen. Geschmacklich war er so fragwürdig, dass mein Unterbewusstsein offenbar beschlossen hatte, mich zu schützen. Jedenfalls stellte ich den Becher so unglücklich ab, dass der dänische Wind ihn prompt umwarf.
Was für eine tolle Reise!
