Die Jugend von heute ist erbärmlich

Die Jugend von heute (Jvh) ist heutzutage so erbärmlich geworden (wahlweise auch: dumm, faul, unzuverlässig, unsozial, egoistisch, konsumorientiert, unverschämt und unbotmäßig). Stimmt das?

Natürlich nicht. Und deshalb hier ein paar Argumente zum Beginn des Jahrzehnts.

Die Jvh ist schon seit Tausenden von Jahren erbärmlich (wahlweise auch … schon klar). Wenn die Jvh aus der Zeit von Sokrates schon unterirdisch war, dann müsste sie in unseren Tagen im Erdkern angekommen sind. Und das ist sie nicht.

Die Jvh ist unangepasster, aufgeweckter, frecher, unbotmäßiger als der Erwachsene von heute; insofern handelt es sich nur um eine optische Täuschung im Auge des Erwachsenen. Denn wenn alles ordentlich gelaufen ist, war der Erwachsene von heute (Evh) früher auch ein Jugendlicher. Und das ist auch schon seit Jahrtausenden so, und das ist gut so. (Dies Argument gilt übrigens auch für Elft-Klässler, die nicht zu selten über die Siebt-Klässler herziehen und allen Ernstes behaupten, die Jugend von heute sei so frech geworden.)

Die Jvh wurde von den Evh erzogen. Wenn sie erbärmlich ist, dann ist das die Schuld der Evh. Wenn sie zuviel in die Smartphones guckt – die Erwachsenen haben ihnen das erste Handy gekauft. Wenn sie nicht arbeitsam sind – dann machen sie die Erwachsenen nur nach. Wenn sie konsumgeil sind – dann ermittelt doch einfach mal das Durchschnittsalter der Schnäppchenjäger*innen in der Stützstrumpfabteilung – die sind im Schnitt nicht sechzehn. Dies Argument sollte daher allen mauligen Erwachsenen und auch Großeltern den Stecker ziehen, wenn sie nur ehrlich zu sich selbst sind. Denn es gilt das Grundgesetz des Erziehens: Du kannst die Kinder erziehen wie du willst. Sie machen dich doch nach.

Die Jvh wird mit den Maßstäben von gestern gemessen. Und wenn man das tut, bekommt man nicht heraus, ob die Jvh gut oder schlecht ist, sondern nur, ob sie gemessen an den Maßstäben von gestern gut oder schlecht ist. Bleibt die Frage, mit welchen Maßstäben man die Jvh messen sollte.

Wenn die Eignung der Jvh in Bildungsinstitutionen beurteilt wird, so wird sie meist von Lehrern, Professoren, Meistern usw. beurteilt. Und diese Menschen haben sich alle in diesen Institutionen gut gefühlt (was nicht heißt, dass sie auch gut waren). Und gerade deshalb sind diese Menschen Lehrer, Professoren oder Meister geworden. Was sie unterschlagen, ist die Tatsache, dass auch zu ihrer Zeit etliche Mitglieder ihrer Alterskohorte sich in der Schule, an der Uni oder im Betrieb nicht wohlgefühlt und sich der Institution daher mehr oder weniger rabiat verweigert haben.

Fazit: Die Behauptung, die Jugend von heute sei erbärmlich geworden, ist selber erbärmlich. Ein absolut erbärmlicher Gemeinplatz aus der verstaubten Werkzeugkiste alter Menschen, die einfach nur neidisch darauf sind, dass sie nicht mehr jung sind. Ja, man könnte sogar folgenden Merksatz aufstellen: Ob jemand alt ist, erkennst du daran, dass er die Jugend von heute unfassbar schlecht findet.

Punkt.

Das musste der Webmaster einfach mal loswerden (und gleichzeitig ein eher unterdurchschnittliches Beispiel für eine lineare Erörterung abliefern).

Moutard, Januar 2020

Beitragsbild: Sabine Meyer / PIXELIO

Ein Gedanke zu „Die Jugend von heute ist erbärmlich

  • 05.01.2020 um 17:35
    Permalink

    Jugend ist kein Getue. Jugend ist eine Kunst.
    Oscar Wilde

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