Se non è vero, è molto ben trovato

Oder: Was von Legenden übrigbleibt, wenn man einer Stadtführerin mit halbem Ohr zuhört

Wir waren, wie bereits erzählt, in Krakau, und Irina, unsere Stadtführerin, ist eine Kollegin und hat einen meisterhaften methodischen Trick auf Lager. Sobald etwas nicht erklärt werden kann (a) oder zu kompliziert (b) oder zu langweilg (c) ist, erzählt sie eine Geschichte. Die helfen immer, sagt sie, und sie hat hunderprozentig Recht. Frau Riegels (Rie) und Herr Riedel (Rie) haben die sechs besten aufgeschrieben. (Und wenn dieser Text ziemlich lang ist, zu lang für eine Webseite fast, dann ist uns das bewusst; aber trotzdem lohnt es sich weiterzulesen bis zum blutrünstigen Finale.)

Erstens. Die Geschichte mit der Hochzeitsgesellschaft und dem Erdbeben

Im Krakauer Stadtbezierk Kazimierz, an der Szeroka-Straße, findet man einen kleinen sonderbaren Park mit nichts drauf als ein paar Bäumen und mit einem Zaun drumherum, zwanzig mal dreißig Meter groß, schätze ich. Warum ist da ein Zaun? Warum ist da ein Gedenkstein? Und was hat es mit der Synagoge gegenüber zu tun?

Nun, dort fand einst eine jüdische Hochzeitsfeier statt, und zwar am Freitagabend. Das ist für jüdische Verhältnisse ein ungünstiger Termin, denn Punkt Sonnenuntergang ist Schluss mit Party wegen des Sabbats, der genau dann anfängt. Dann macht die Mame eine Kerze an und dann darf man nicht mehr feiern. Wie auch immer, die Laune war ausgezeichnet, die Getränke schmeckten immer besser, die Braut sah immer hübscher aus, die Musiker fiedelten einen Klezmer-Hit nach dem anderen und die Sonne näherte sich dem Horizont. Und wer kommt an und spielt den Spaßverderber? Der Rabbi mit seinem Hut und dem gestrengen Blick schaut vorbei und ermahnt alle, die da so feiern, dass sie ans Aufhören denken sollen. Ja, ja, sagen sie und tanzen weiter und die Getränke schmecken immer besser und die Braut sieht … alors on danse und so weiter. Da bebt die Erde. Die Leute denken, das gehört zur Show und tanzen weiter. Da kommt der Rabbi wieder und ermahnt wieder und er wird wieder ignoriert und die Erde bebt wieder und so geht das ein paar Mal (ich hab vergessen mitzuzählen). Das Ende vom Lied ist, man ahnt es schon, dass die Leute nicht ans Aufhören denken und die Sonne untergeht und … da tut sich die Erde auf, verschlingt die ganze Rasselbande und der Park ist eine immerwährende Mahnung, dass man sich mit dem lieben Gott besser nicht anlegen soll.

Se non è vero, è molto ben trovato; wenn es nicht wahr ist, so ist es doch sehr gut erfunden! Das sagte Giordano Bruno, ein philosopischer Italiener oder italienischer Philosoph. Dieser Satz passt übrigens zu all den Legenden und Sagen, die wir hier der Unbekanntheit entreißen. (Rie)

Zweitens. Die Geschichte von Isaak und seinem Schatz

Zugegeben, bei dieser Geschichte habe ich fast alles wieder vergessen, weil, während sie erzählt wurde, suchte ich in der Auslage eines Antiquariats nach Schachbuch-Titeln (das wird man mir verzeihen) und dabei ging der Zusammenhang verloren und der Satzbau gleich mit.

Es war aber ungefähr so, dass Isaak, einer der tapferen Bewohner Krakaus, eine Vision von einem Schatz hatte, der in einem Fluss vergraben sein sollte. Das hatte er zumindest geträumt und wie jeder weiß, sind Träume von Schätzen eine ziemlich sichere Sache, man wird sofort kreditwürdig, wenn man einem Banker davon erzählt. Er macht sich auf den Weg (wohin?), und erzählt jemandem (wem?), dass dort in dem Fluss (in welchem?) ganz viele Goldstücke lägen, das habe er geträumt. Und dieser andere fängt an zu lachen und bestreitet alles und fügt aber hinzu, er seinerseits habe von einem Isaak aus Krakau geträumt, in dessen Ofen ein Goldschatz versteckt sei. Isaak spitzt die Ohren und denkt sich, bevor ich hier teure U-Boote miete und ohne Ziel diverse Flussläufe umgrabe, schau ich doch lieber in meinem Ofen nach. Und siehe da, in dem Ofen fand sich ein bedeutender Schatz und Isaak wurde schwer reich und spendete viel Geld den Armen, Witwen und Waisen. Man erkennt aus dieser Geschichte die unzweifelhafte Moral vom dem wenig sinnvollen In-die-Ferne-Schweifen, wo das Gute doch so Anakoluth. Da lag übrigens kein Schachbuch im Schaufenster. (Rie)

Drittens. Woher hat Krakau eigentlich seinen Namen?

raben

 
An dieser Frage scheiden sich die Geister. Es gibt zwei wissenschaftlich belegte und jahrelang in den Archiven der Stadt ruhende Theorien, welche beide ihre Daseinsberechtigung aufweisen. Beginnen wir mit der ersten.
Irgendwann gab es mal einen Herrscher (dessen Name mir leider entfallen ist), der auf der Wawelburg hauste und scheinbar nicht sonderlich beliebt war. Jedenfalls wurde er gevierteilt (die genaue Aufteilung ist hierbei nicht wissenschaftlich nachweisbar) und in die Weichsel geworfen. Weil das Ganze aber natürlich nicht die feine polnische Art ist, kamen aus vier Himmelsrichtungen vier Raben an den Fluss geflogen und retteten die Überreste des Herrschers, sodass dieser in Ehren bestattet werden konnte. Jetzt fragen Sie sich natürlich zu recht: Was hat das mit dem Namen Krakau zu tun? Ganz einfach. Ein Blick in das etymologische Wörterbuch von Geroslaw Wilpertski tut hier Abhilfe. Das polnische Wort für Rabe ist auch heute noch „KRUK“ und das passende Verb dazu, welches da „krächzen“ heißt nennt sich „krakać“. Man kann sich vorstellen, dass die rabenschwarzen Schutzpatronen bei ihrer Rettungsaktion ganz schön Radau gemacht haben. Die Bewohner der Stadt nahmen dieses „Gekrakace“ dann zum Anlass, ihrer Wohnstätte den schönen Namen Krakow zu geben.

Die zweite lang erforschte Theorie ist weitaus einfacher und Bedarf auch keiner Namensherleitung. Sie ist auch schnell erzählt: In der Wawelburg lebte ein König namens Krak! Der gab der Stadt seinen Namen.
Jetzt werden Sie sagen. Mhm, das ist alles? Hat es denn mit diesem Krak so gar nichts auf sich? Doch, natürlich hat es das. Krak kommt nämlich in der nächsten Legende eine entscheidende Rolle zu. (Rie)

Viertens. Drachenstarke Idee

Der eben erwähnte König Krak regierte die – vermeintlich nach ihm benannte Stadt – von der Wawelburg aus. Es war auch alles schön und gut und nichts hätte die piroggenfreudliche Idylle gestört, wenn es da nicht diesen Drachen gegeben hätte. Der feuerspuckende „Smok“ lebte in den Bergen von Krakau und fiel regelmäßig über die Herdenbestände der Krakauer her, brannte ihre Häuser nieder und verschlang ihre Töchter. Weil König Krak klug und weise war – vermutlich auch beliebter als einer seiner gevierteilten Vorgänger – sehnte er sich nach einer Lösung, damit sein Volk endlich wieder in Ruhe schlafen könne. Er startete also so eine Art Aufruf bei Facebook, nur damals eben noch ohne Internet, in dem er bekannt gab, dass derjenige, der den Drachen besiegte, sein halbes Königreich (oder war es das ganze? Ach was soll der Geiz ) sein ganzes Königreich und die Hand seiner Tochter Wanda erhalte. Natürlich kamen von nah und fern die Ritter und versuchten ihr Glück. Doch so sehr sich auch bemühten, der Smok Wawelski ließ sich nicht besiegen.

Eines Tages kam der junger Schuster Dratewka daher und ersann, den Drachen mit einer List zu töten. Dratewka nahm sich ein junges Lamm und befüllte dieses mit Schwefel. Das legte er vor die Höhle des Drachen. Das faule Ungetüm muss sich wohl gedacht haben: „Ach wie nett, da kommt mein Abendbrot heut mal zu mir“, und fraß das gute Stück Fleisch. Kurze Zeit später bekam er aber schrecklichen Durst. Und jetzt heißt es gut aufgepasst für alle, die im Chemieunterricht geschlafen haben. Smok Wawelski lief zur Weichsel und trank.

Tja und was passierte mit dem Schwefel in seinem Bauch, als dieser mit Wasser in Berührung kam? Genau: Die Polen erlebten ihr erstes richtiges Silvesterfeuerwerk. Der Drache explodierte. Ab da gab es Smok Wawelski nicht mehr und der schlaue Schuster wurde glücklicher Ehemann von Wanda und erbte ein komplettes Königreich. (Rie)

Fünftens. Die Geschichte von den Tauben in Krakau

Bleiben wir gleich bei den Tieren, die fliegen können. Neben Raben und Drachen spielen in Krakau nämlich auch die Tauben eine wichtige Rolle. Sie sollten sich diese Legende auf jeden Fall merken, wenn sie sich mal wieder über eines der grauen Viecher ärgern, welches sich auf ihrem Auto verewigt hat.

Jedenfalls gab es mal wieder irgendwann einen Herzog, dessen Name nicht weiter von Bedeutung ist. Wichtig ist nur, dass dieser Herzog gerne Herrscher von Krakau werden und sich dies durch den päpstlichen Segen besiegeln lassen wollte. Leider war er nicht ganz so talentiert, denn sonst hätte er ja schon die Gelegenheit mit dem Drachen nutzen können und wäre ganz rechtens König gewesen.. Wie dem auch sei. Jedenfalls rief er, um sein Ziel zu erreichen, eine Zauberin an. Die war damals sowas, wie die Deutsche Bank heute. Die Zauberin sagte: „ Kein Problem, ich helfe dir und strecke dir quasi Gold vor. Damit fährst du nach Rom, bestichst den Papst und wirst Herrscher.“ (Heute ist das natürlich nicht mehr vorstellbar, das Ruhm und Macht mit Geld erkauft werden könnten – andere Zeiten andere Sitten). Nun wollte die Zauberin aber natürlich etwas als Gegenwert haben und so verwandelte sie die treusten Ritter des Herzogs in Tauben. Diese flogen zur Marienkirche und pickten die Steine aus den beiden Türmen. Beim Zu-Boden-Fallen verwandelten sich diese Steine in Gold. Der Herzog sammelte alle Steine auf und machte sich auf den Weg nach Rom. Die Zauberin ermahnte ihn, dass nur, wenn er als Herrscher wiederkäme, seine Ritter erlöst sein würden.

Tja, was tat der dumme Herzog? Er verspielte und verprasste all sein Geld schon bevor er in Rom ankam. So wurde es nichts mit der Bestechung, aber leider auch nie mit der Befreiung der Ritter. Seit mehr als einer halben Ewigkeit sind die armen Ritter deshalb dazu verdammt, auf dem „Rynek“ umher zu spazieren. Weil die Krakauer aber genau wissen, dass es sich um verzauberte Ritter und nicht um „Ratten der Lüfte“ handelt, umsorgen sie die Tiere liebevoll bis zum heutigen Tag. (Rie)

Sechstens. Die Geschichte von den beiden ungleichen Türmen der Marienkirche

Die coolste Kathedrale mit ungleichen Türmen ist das Münster in Straßburg, dort hat man den rechten Turm gleich ganz weggelassen, wohl weil das Geld fehlte oder jemand sich verzählt hatte. In Krakau bei der Marienkirche ist der Höhenunterschied nicht ganz so bedeutend (12 Meter), die Sage dafür aber umso blutrünstiger.

Zwei Brüder bauten die Türme unabhängig voneinander, und wenn man zwei Brüder unbeaufsichtigt lässt, dann kann das Ärger geben. Das wird jeder bestätigen, der zwei Jungs großgezogen hat. Es kam, wie es kommen musste. Der ältere Bruder beeilte sich und sein Turm war bei 81 Metern angekommen. Da packt ihn die Angst und da fasst ihn der Neid und er erdolcht meuchlings seinen kleinen Bruder, damit nicht etwa dessen Turm (gerade mal 69 Meter hoch – aber dafür um einiges stabiler) länger wird als seiner! Aber die Strafe folgt auf dem Fuße: Der Mörderbruder wird bei dem Mord erwischt und die Leute aus dem Wirtshaus verfolgen ihn bis hinauf auf seinen Turm. Dort stürzt er sich vor lauter Schamgefühl über seinen Brudermord in die Tiefe. Die Gesellschaft traute sich aber nicht, den anderen Turm fertigzustellen und am Ende noch höher zu bauen. Deshalb beließ man ihn so. Der Dolch aber kann bis heute in den Tuchhallen auf dem Marktplatz, in Steinwurfweite zur Marienkirche, bestaunt werden. (Rie)

Das war die Krakauer Geschichte in sechs Geschichten! Vielen Dank an Irina, die es wirklich fertig gebracht hat, dass wir ihr sechs Stunden lang zuhörten! Dabei wollten die Kolleginnen eigentlich Schuhe kaufen gehen.

(Foto von https://www.flickr.com/photos/33865012@N05/3159705260)